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Brandenburg

18. Dezember 2017 | 06:15 Uhr

Mit der Lupe programmieren

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Software-Firma aus Niederlehme bietet Sehbehinderten die Chance auf eine Ausbildung

svz.de von
erstellt am 21.Okt.2016 | 05:00 Uhr

Max und Justin haben ein klares Ziel: Die Neuntklässler möchten Programmierer werden. Computer sind ihr Ding. Nicht nur zum Spielen. Sie basteln zu Hause kleine Programme selbst. Nun stand das Schülerpraktikum an. Dutzende Bewerbungen schrieben die Jungs an Software-Firmen, bekamen nur Absagen. Die beiden sind von Geburt an fast blind. Max hat zehn Prozent Sehfähigkeit, Justin 30 Prozent.

Erst auf einer Ausbildungsbörse fanden sie bei der Gemtec GmbH in Niederlehme (Dahme-Spreewald) jemanden, den das nicht störte. Sofort gab es die Praktikumszusage, obwohl die auf die Entwicklung von Sicherheitstechnik spezialisierte 110-Mitarbeiter-Firma keine Erfahrung mit blinden Kollegen hat. „Wir wussten nicht, was uns erwartet. Brauchen sie spezielle Tastaturen, besonders große Bildschirme?“, erinnert sich Felix Köhler, der im Unternehmen Praktikanten und Azubis betreut.

Nun ist das zweiwöchige Praktikum von Max und Justin vorüber. Alle sind klüger – und schwer begeistert. Die Jungs fanden es super, schön und gar nicht anstrengend, mehr denn je wollen sie die Ausbildung. Felix Köhler schwärmt von ihnen als den besten Praktikanten, die er bisher erlebt hat. „Sie haben das Zeug dazu, bei uns eine Ausbildung zu machen“, ist er überzeugt. Beim Programmieren komme es darauf an, sich für verschiedene Probleme Lösungen vorzustellen, dabei logisch zu denken und mit viel Interesse und Ehrgeiz am Ball zu bleiben.

In den zwei Wochen wurden die beiden Praktikanten sieben Stunden am Tag entsprechenden Tests unterzogen. Mit Hilfe eines Lernprogramms für die Programmiersprache Java sollten sie zum Beispiel auf dem Bildschirm einen Käfer um ein paar Ecken hin zu einem Kleeblatt führen. Das Problem für Felix Köhler war dabei eher, dass sie alle Aufgaben schneller als erwartet erledigt hatten. „Ich musste immer wieder neu überlegen, was ich mit ihnen als nächstes mache“, sagt der Ausbilder mit einem Lachen. Das einzige Hilfsmittel, auf das vor allem der besonders sehschwache Max immer wieder zurückgriff, war die Lupe, jene Tastenkombination am Rechner, die Bildschirminhalte vergrößert. „Also keine Extra-Tastatur, kein größerer Monitor als üblich“, fasst Ausbilder Köhler zusammen.

Für Max und Justin geht es nun zurück an die Blindenschule in Königs Wusterhausen. Aber Gemtec hat sie bereits zu Einzel-Praktika eingeladen. „Ich möchte wissen, wie ihr alleine bei uns zurechtkommt“, erklärt Köhler. Eine Hausaufgabe hat er für sie auch: „Eure Rechtschreibung sollte besser werden“, mahnt er. „Kollegen müssen lesen können, was ihr schreibt.“ Max ist froh über die weitere Chance: „Unsere Lehrerin hat schon gesagt, dass wir dafür auf jeden Fall eine Freistellung vom Unterricht bekommen.“

Offen ist für Felix Köhler noch, wie die zwei eventuell in die Berufsschule integriert werden können. „Aber von unserer Seite steht fest: Sie können gerne wiederkommen. Qualifizierte Azubis sind nicht leicht zu finden.“

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