Zugreisen : Mit den Nachtschwärmern im RE 2

Zur Abfahrt bereit: Kurz vor zwei Uhr gab Zugbegleiter Wollek das Signal. Fotos: Benjamin Lassiwe
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Zur Abfahrt bereit: Kurz vor zwei Uhr gab Zugbegleiter Wollek das Signal. Fotos: Benjamin Lassiwe

Eine Bürgerinitiative kämpft um die Einrichtung einer späten Bahnverbindung . Unser Korrespondent Benjamin Lassiwe ist mit dem ersten Testzug mitgefahren.

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15. Juni 2015, 12:00 Uhr

Nachts um kurz vor zwei ist es ruhig auf dem Berliner Ostbahnhof. Einige wenige Fahrgäste stehen auf dem Bahnsteig, als der gelbe Doppelstocktriebzug der Ostdeutschen Eisenbahn auf Gleis 6 einfährt. „Wittenberge“ steht auf dem Zielschild. Schnell steigen die Menschen ein, bevor Zugbegleiter Wolleck das Signal zur Abfahrt gibt.

Im Fahrplan allerdings ist der RE 79414 nicht verzeichnet. Dass sich der Zug überhaupt auf den Weg über die Berliner Stadtbahn macht, liegt an einer Bürgerinitiative. „Eine Dame aus dem Ort kam zu mir, und sagte: Sie sind doch in der SPD“, erzählt Barbara Linke aus Barsikow, die an diesem Abend auch im Zug mitfährt. „Es sei doch unmöglich, dass auf dem RE  2 als einziger Strecke im VBB abends kein Zug mehr fahre.“ Mit den SPD-Ortsverbänden, aber auch mit dem Deutschen Bahnkundenverband wurden Unterschriftenaktionen gestartet. 6000 Bürger sprachen sich am Ende für den Nachtzug aus.

Mittlerweile ist der Regionalzug am Bahnhof Berlin-Alexanderplatz eingetroffen. Hier ist der Bahnsteig sichtlich gefüllt. Zahlreiche Fahrgäste steigen zu, im letzten Wagen nimmt ein Junggesellenabschied aus der Prignitz Platz. „Das Ministerium hat uns drei Testfahrten zugesagt“, sagt Barbara Linke. Am 21. Juni und am 29. August werden weitere späte Züge fahren. Wie der „Prignitzer“ in Potsdam erfuhr, werde es zudem anlässlich der Elblandfestspiele in Wittenberge eine Spätverbindung geben. Wenn in den Testzügen mehr als ein Drittel der Plätze belegt ist, werde man prüfen, ob die Verbindung regelmäßig angeboten werden könne, versprachen die aus der Prignitz kommende Staatssekretärin Katrin Lange und Ministerin Kathrin Schneider. „Unter Minister Jörg Vogelsänger hieß es vorher immer nur lapidar, dass kein Geld da sei“, sagt Barbara Linke.

Nach einem Zwischenstopp am Hauptbahnhof erreicht der Zug den Bahnhof Zoo. Am ehemals wichtigsten Fernbahnhof von Westberlin gibt es Probleme: Ohne Ansage fährt der Zug am gegenüberliegenden Bahnsteig ein. Trotzdem steigen auch hier wieder zahlreiche Reisende zu. Als der Zug losfährt und wegen Bauarbeiten in Spandau über Wannsee, Potsdam, Golm und den östlichen Berliner Außenring nach Wustermark umgeleitet wird, gehen Helfer durch den Zug. Sie zählen 163 Fahrgäste. Die Quote ist erreicht. Sehr zur Freude von Fahrgästen wie Rainer Stahl und Sabina und Iris Weidner aus Breddin. „Zwei Mal im Monat sind wir abends in Berlin“, berichten sie. Aber mit dem Zug ging das bislang nicht. Die Familie habe immer das Auto nehmen müssen.

Dann erreicht der Triebwagen den Bahnhof Nauen. Hier steigen die ersten sechs Reisenden aus dem Nachtexpress. Vier sind es in Paulinenaue, zwei in Friesack. Der größte Teil der Fahrgäste fährt weiter Richtung Norden. So wie der Junge aus der Prignitz, der im hinteren Teil des Zuges das Ende seines Junggesellenabschiedes verschläft. „Dieser Zug war für uns optimal“, sagt einer seiner Freunde, der die Bahnfahrt nutzt, um das Gesicht des künftigen Bräutigams mit Edding-Stiften zu verschönern. Andere Mitfeiernde nehmen noch schnell ein Schlückchen Whisky-Cola, bevor die Stimmung beim Halt in Neustadt den Höhepunkt erreicht: Mit nacktem Oberköper springt ein junger Prignitzer aus der letzten Zugtür auf den Bahnsteig, um die Aussteiger zu verabschieden. Auch so etwas gehört zur Nachtzugreise ganz offenbar dazu.

Tatsächlich sind es die Bahnhöfe in Neustadt (Dosse), Breddin und Glöwen, an denen bei Weitem die meisten Reisenden aussteigen. Danach ist der Zug fast leer. Vielleicht zwanzig Reisende fahren durch bis Wittenberge. Zum Beispiel Steffi Knaack aus Cumlosen, die in Berlin bei einer Schlagerparty war. „Für mich bedeutet so ein Zug mehr Freiheit und mehr Möglichkeiten, in Berlin etwas zu unternehmen“, sagt die Prignitzerin. Schön wäre es allerdings, wäre ein Nachtzug auch mit dem Brandenburg-Berlin-Ticket des Vortags noch benutzbar. „Das Ticket gilt nur bis drei Uhr, da waren wir gerade einmal in Nauen.“

Schließlich ist es 03:51 Uhr. Pünktlich auf die Minute trifft der Zug in Wittenberge ein. Die letzten Reisenden verlassen die Wagen, einige von ihnen erkennbar torkelnd. Für Schaffner Wolleck geht es wenige Minuten später wieder zurück – er fährt mit dem ersten planmäßigen Zug des Sonntags, um 4.12 Uhr, zurück nach Nauen. Dann endet sein Dienst.

Am nächsten Tag, nach wenigen Stunden Schlaf, zeigen sich die Initiatoren des Nachtzugs zufrieden. „Ich denke, die geforderte Auslastung ist für die erste Testfahrt erwiesen“, schreibt Barbara Linke in einer e-Mail. Und wenn der Zug dann auch noch in den Fahrplaninformationen der Bahn vorkäme, könnten beim nächsten Mal sicherlich noch mehr Fahrgäste mitfahren.

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