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Agrar-Lobbyist Reinhard Jung : Meister der Attacke

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Reinhard Jung gilt als Brandenburgs wortgewaltigster Agrar-Lobbyist – kaum jemand ist vor ihm sicher

svz.de von
erstellt am 22.Feb.2017 | 12:00 Uhr

Die Landwirtschaft steckt gleich doppelt in der Krise. Zu den Sorgen um die Einnahmen kommen Akzeptanzprobleme. Woran liegt das? Spurensuche auf dem Hof von Brandenburgs wortgewaltigstem Agrar-Lobbyisten.

Wenn Reinhard Jung loslegt, ist kaum jemand sicher. Den Bundesagrarminister („farblos“) attackiert er dann genauso wie die Umweltministerin („unterwirft sich dem Mainstream“). Weitere Lieblingsfeinde sind die Braunkohlebefürworter von der SPD, aber auch die Grünen und andere „Gutmenschen“ wie etwa Vegetarier, weil sie den Landwirten das Leben mit Auflagen schwer machen wollen.

Ganz oben auf der Liste der Gegner stehen aber Investoren, die den Bauern Land wegkaufen sowie die großen Brandenburger LPG-Nachfolgebetriebe, deren Politik des „Wachsen oder Weichen“ dafür gesorgt habe, „dass es in der Gesellschaft inzwischen so wenig Verständnis für die Landwirtschaft gibt“.

Tag für Tag arbeitet sich Reinhard Jung an all diesen Leuten ab, macht sie verantwortlich für die Probleme der Branche. Er verschickt Pressemitteilungen, gibt Interviews oder meldet sich mit pointierten, zuweilen auch polemischen Attacken bei Konferenzen oder Anhörungen im Landtag zu Wort.

„Der Markt muss die Milchkrise regeln, aber dafür brauchen wir faire Verträge“, sagt er zum Beispiel. Aktuell beschwert er sich über Pläne für eine verschärfte Düngeverordnung, um die Nitratbelastung des Grundwassers zu verringern. „Die wollen mir verbieten, im Winter Mist auf die Wiesen zu bringen“, sagt er und greift sich an den Kopf. „Dafür gibt es keinen fachlichen Grund.“

Dass die Landwirtschaft eine Mitschuld am Klimawandel habe und deshalb Einschränkungen nötig seien, weist er brüsk zurück. „Die Bauern werden zu Sündenböcken gemacht, weil die Politik die großen Probleme nicht in den Griff bekommt – den Flächenverbrauch für die Kohle und den Bau von Straßen und Siedlungen.“

Niemand ist in diesen Debatten so präsent wie der Geschäftsführer des Bauernbunds Brandenburg. „Wir denken in Generationen“, sagt er über die von ihm vertretenen bäuerlichen Familienbetriebe im Land. Nachhaltiges Wirtschaften statt schneller Gewinne und hohem Risiko.

Jung stammt aus Schleswig-Holstein, hat Geschichte studiert und Landwirtschaft gelernt. Im Jahre 1996 kaufte er einen leer stehenden Vier-Seiten-Hof und 30 Hektar Land in Lennewitz. Hier lebt der 51-Jährige mit seiner Frau, vier schulpflichtigen Kindern sowie seinen Eltern.
Als Bauer hängt sein Herz an der Rinderhaltung. Rund 30 Deutsche Rotbunte stehen im neu errichteten Stall. Dass seine Tiere allesamt Namen haben, will er nicht so laut sagen, aus Sorge, das könnte albern wirken. Aber dann ruft er doch begeistert: „Hier, das ist Naomi, was für ein Prachtexemplar!“

Jungs Geschäft mit den Tieren sieht derzeit so aus, dass er jedes Jahr zehn zweijährige Rinder als Bio-Masttiere verkauft. Rund 650 Kilo bringen sie dann jeweils auf die Waage. Etwa 1500 Euro erhält Jung pro Tier. Macht 15 000 Euro im Jahr. Auch wenn die EU-Agrarsubventionen für seinen Hof noch dazu kommen – von dem Gewinn kann man keine Familie ernähren.
Reinhard Jung wusste das von Anfang an. Landwirtschaft ist nur eines seiner Standbeine. Unter anderem macht er noch die Öffentlichkeitsarbeit für die Landes-Architektenkammer. Auf jeden Fall werde man mit Landwirtschaft nicht reich. Ab 100 Rindern könne man möglicherweise allein von deren Haltung leben, schätzt Jung, während er über den Hof führt, seine Traktoren zeigt sowie fern am Horizont jenes Stück Weideland, das er gerade mit Mist gedüngt hat, was er auf Geheiß der Bundesregierung vielleicht bald nicht mehr darf.

Viele Probleme und Sorgen, wie sie Bauern immer wieder vortragen, werden auf Jungs Hof greifbar. Weil hier alles so schön übersichtlich ist. Es ist zu sehen, wie Jung sich müht, wie er rechnet und auf gute Erträge hofft, wie er sich um seine Tiere kümmert und Sorge hat, dass zum Beispiel bald der Wolf Jagd auf die Kälber macht. Kann man es ihm und anderen Bauern verdenken, dass sie sich weniger Einmischung von Leuten wünschen, die das Geschäft nicht kennen? Ihn ärgere vor allem pauschale Kritik, sagt Jung. Immer wieder heiße es, „die Landwirtschaft“ müsse das und das tun, sei dafür und dafür verantwortlich. „Dabei machen 90 Prozent der Betriebe alles richtig“, ist er überzeugt. „Wer Geld verdienen will, darf sich keine Mängel leisten.“

Mega-Ställe etwa mit 60 000 Schweinen lehnt er strikt ab. Ja, und auch manch andere Sache, wie etwa das standardmäßige Töten männlicher Küken in der Geflügelzucht, „ist nicht okay“. Aber dafür dürfe man nicht eine ganze Branche verurteilen. Rinderhalter Jung wünscht sich, dass wie früher mehr Leute zum Beispiel zehn Hühner haben, um zu wissen, wie das mit Nutztieren ist. „Man trifft da auch mal harte Entscheidungen. Es sind eben keine Menschen.“

 

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