Naturschutz : Mehr Mäuse für die Adler

Der Schreiadler ist Brandenburgs Wappentier und massiv im Bestand bedroht.
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Der Schreiadler ist Brandenburgs Wappentier und massiv im Bestand bedroht.

Experten aus Brandenburg und MV suchen nach Perspektiven für die Tiere

svz.de von
08. September 2015, 12:00 Uhr

Gibt es den kleinsten Adler Deutschlands auch noch in 100 Jahren? Naturschützer suchten am Wochenende in Chorin (Barnim) nach Wegen, wie man die bedrohten Tiere erhalten kann. Ein Fazit: Auf die Mäuse kommt es an.

Sie wirkt exotisch in dieser Runde: Christa-Maria Wendig ist Landwirtin, die einzige konventionell wirtschaftende Bäuerin auf dem Kongress von Naturschützern. „Wir haben was übrig für Tiere“, meint die Geschäftsführerin der LVB mbH Rehberg. Die Landwirtin aus Vorpommern leitet einen Familienbetrieb, der Getreide, Raps, Mais, Rüben anbaut und Schafe hält. Und sie engagiert sich für Schreiadler.

Wie sich eine vorrangig intensive Landwirtschaft und Artenschutz besser unter einen Hut bringen lassen, damit beschäftigen sich mehr als 100 Ornithologen, Behördenvertreter, Forst- und Landwirte am Wochenende. Die Deutsche Wildtier-Stiftung und das EU-Life-Projekt „Schreiadler Schorfheide-Chorin“ hatten zum zweiten internationalen Schreiadler-Symposium geladen.

Der stark bedrohte Adler steht stellvertretend für viele Wildvögel. In ganz Europa gehen seine Zahlen zurück. Lebten 1990 noch 130 Brutpaare in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg, sind davon heute 87 in Mecklenburg-Vorpommern und 23 in Brandenburg übrig.

Eines der Hauptnahrungsmittel: Mäuse. Das Hauptproblem: genug davon zu finden. So sind die schönen Rapslandschaften im Frühsommer für Schreiadler „die totale Katastrophe“, beschreibt Naturschützer Wolfgang Scheller aus Mecklenburg-Vorpommern. „Ein Rapsfeld ist so etwas wie ein Stacheldrahtverhau, da kann kein Schreiadler jagen.“

Was fehlt ist Grünland, weniger dicht bewachsene Flächen fürs Viehfutter, in denen Adler die Maus sehen. Doch Schaf- und Rinderbestände schwinden und damit die Futterflächen.

Eigens für ein Schreiadlerpaar in ihrer Nähe hat Bäuerin Christa-Maria Wendig 30 Hektar Grünland reserviert. Sie bewirtschaftet es so, dass das Gras kurz gehalten wird und nicht zu dicht steht. „Wir haben 2000 Hektar, da können wir uns die 30 Hektar leisten.“ Den wirtschaftlichen Verlust, der ihrem Betrieb entsteht, gleicht öffentliche Förderung aus.

Allerdings, so schätzt auch ihr Brandenburger Öko-Kollege Stefan Palme vom Gut Wilmersdorf ein, decken Fördermittel die Einkommensverluste meist nicht. Vor allem, wenn Acker dauerhaft zu Grasland werden soll.

„Es gibt eine Bereitschaft bei Landwirten, für einige Jahre Acker in Grünland umzuwandeln – nur nicht dauerhaft“, meint Andreas Kinser von der Deutschen Wildtier-Stiftung. Er hat erforscht, wie bessere Bedingungen für Schreiadler geschaffen werden könnten. Ein Fazit: Die Förderung ist für Landwirte oft nicht attraktiv genug, der bürokratische Aufwand dafür teilweise enorm.

Die Stiftung konzentriert sich darauf, vorhandene Flächen für die Adler zu erhalten, neue hinzuzugewinnen ist schwierig.
Diese Erfahrung macht auch Benjamin Herold vom EU-Life Projekt „Schreiadler Schorfheide Chorin“. Rund 7,8 Millionen Euro EU- und Landesmittel stehen dabei für Naturschutzmaßnahmen und Landkauf zur Verfügung. Jedoch ist Letzteres kompliziert wegen gestiegener Bodenpreise, die bis auf 22 000 Euro für den Hektar Acker klettern können. „Wir versuchen zu bekommen, was zu bekommen ist“, sagt er. Die Bodenpreise setzen auch Landwirtin Christa-Maria Wendig unter Druck. Sie hat Verantwortung für zwölf Mitarbeiter, muss wirtschaftlich arbeiten. Dennoch leistet sich der Betrieb das Naturschutzengagement. „Da sind wir stolz drauf.“ Und es wird belohnt. Das Schreiadler-Paar hat in diesem Jahr Nachwuchs.

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