Interview: Direktorin des Diakonischen Werks : Mehr gegen Kinderarmut tun

Barbara Eschen
Barbara Eschen

Das Bildungs- und Teilhabepaket reicht nicht aus, um die Grundausstattung eines Kindes für die Schule zu bezahlen

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30. Dezember 2016, 05:00 Uhr

Ab dem 1. Januar ist Barbara Eschen Sprecherin der Nationalen Armutskonferenz. Im Hauptberuf bleibt sie Direktorin des Diakonischen Werks Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz. Benjamin Lassiwe hat mit ihr gesprochen.

Was planen Sie als Sprecherin der Nationalen Armutskonferenz für 2017?
Barbara Eschen: Wir haben eine Kampagne zur Bewältigung der Kinderarmut gestartet. Das ist ein wichtiges Thema, gerade auch im Blick auf die Bundestagswahl. Außerdem müssen wir uns vor dem Hintergrund der Situation in den Großstädten mit der Frage des preiswerten Wohnraums für Menschen beschäftigen. Dazu geht es um die Frage von Armut und Gesundheit – es ist in meinen Augen schon ein ziemlicher Skandal, dass arme Menschen in Deutschland eine geringere Lebenserwartung haben. Dabei ist mir wichtig, dass die Nationale Armutskonferenz ja nicht nur aus Vertretern von Verbänden und Kirchen besteht, sondern dass an ihr auch Menschen beteiligt sind, die selbst von Armut betroffen sind. Dieses Pfund wollen wir natürlich auch einsetzen.

Zum 1. Januar werden in Deutschland die Regelsätze für Hartz IV und das Kindergeld leicht erhöht. Wie bewerten Sie das?
Das Kindergeld kommt ja Menschen, die Hartz-IV-Empfänger sind, nicht zugute, weil es auf die Leistungen angerechnet wird. Und bei der Hartz-IV-Erhöhung werden die Regelsätze für Kinder kaum erhöht – das trägt am Ende nicht zu einer Verbesserung der Lebenssituation armer Kinder bei. Ohnehin geht es uns darum, die Lebenssituation von Kindern umfassend zu sehen: Da geht es natürlich um das Minimum, das Kinder bekommen, wenn das Einkommen der Eltern nicht reicht. Aber das hängt auch mit anderen Leistungen zusammen, die die Kinder nicht erreichen. Es ist einfach ein Skandal, dass Kinder von Anfang an so schlecht gestellt werden.

Was müsste sich ändern?
Man soll die Leistungen in einem Paket sehen. Kinderfreibetrag, Hartz IV, Kindergeld – aus meiner Sicht müssten alle Kinder zunächst einmal dieselbe Grundsicherung bekommen. Das ist aber ein sehr komplexes System, weil es mittlerweile so viele verschiedene Leistungsarten gibt, die man nebeneinander stellt. Aber wie es jetzt ist, reicht es jedenfalls nicht. Und gerade die Leistungen, die zur Teilhabe dienen sollen, reichen nicht. Das Bildungs- und Teilhabepaket reicht zum Beispiel nicht aus, um die Grundausstattung eines Kindes für die Schule zu bezahlen. Kinder aus armen Familien haben nicht die Möglichkeit, mal eben Buntstifte zu kaufen, ins Kino zu gehen oder ein Buch zu kaufen. Es muss darum gehen, dass auch solche Kinder mit in den Zoo gehen können oder sich mit anderen Kindern verabreden können.

Wie sehen Sie den Boom der Tafeln? Können solche Einrichtungen ergänzen?
Ersetzen oder ergänzen dürfen das die Tafeln ja gar nicht. Denn es besteht ein Rechtsanspruch darauf, dass Menschen für ihre Grundbedürfnisse Leistungen des Staates erhalten. De facto ist es aber so, dass Menschen, die zur Tafel gehen, sagen, dass sie das Geld, was sie dort sparen, an anderer Stelle einsetzen können. Es ist ja das Problem, dass große Anschaffungen angespart werden müssen: Wenn die Waschmaschine kaputt geht, oder selbst die Brille neu angeschafft werden muss, muss man sich das zusammensparen. Und dann wird das eben so gesehen: Wenn ich hier Geld für Lebensmittel sparen kann, kann ich es da für die Brille einsetzen. Das zeigt, wie fatal die Situation ist – und so etwas ist auch nie die Absicht der Tafeln gewesen, die immer eine zusätzliche Hilfe für Bedürftige geben wollten. Es ist deswegen katastrophal, wenn Menschen geraten wird, zu solchen Einrichtungen zu gehen, um auf die Grundleistungen zu kommen.

Was können die Bundesländer gegen Armut machen? Wo ist da noch Nachholbedarf?
Es geht auch immer um die Frage: Wie gehe ich mit Menschen um, die in Armut leben? Da ist man mancherorts nicht sonderlich sensibel. Kinder aus armen Familien spüren das zum Beispiel in den Schulen, wenn eine Klassenfahrt ansteht, oder Geld für einen Ausflug eingesammelt wird. Da sind nicht alle Lehrer immer sensibel. Da wird oft als selbstverständlich vorausgesetzt, dass das gezahlt wird und mitgebracht wird, auch wenn es nicht alle können. Damit wird im Grunde schon die Entwicklung der Kinder beeinträchtigt.

Sie sprachen von Bedarf an billigem Wohnraum. Was muss da geschehen?
Wir brauchen Wohnungen mit niedrigen Mieten und Wohnungen mit Belegbindung. Das ist sicher vor allem ein Problem der Großstädte. Im ländlichen Raum ist das anders: Da muss man darauf achten, dass solche Wohnungen gut angebunden sind, und dass Menschen mit einem geringen Einkommen einen guten öffentlichen Nahverkehr vorfinden. Denn wer zu arm ist, um sich ein Auto zu leisten, muss trotzdem noch zum Arzt oder zum Einkaufen kommen können. Auch im ländlichen Raum.
 

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