Leben retten als Unterrichtsfach : Mehr Engagement für Erste Hilfe

Philipp Humbsch, Medizinstudent  an der Charité-Universitätsmedizin Berlin, übt mit Kindern der Friedensgrundschule in Frankfurt (Oder) die Wiederbelebung an einem Dummy.
Philipp Humbsch, Medizinstudent an der Charité-Universitätsmedizin Berlin, übt mit Kindern der Friedensgrundschule in Frankfurt (Oder) die Wiederbelebung an einem Dummy.

In Brandenburg startet demnächst Pilotprojekt zu Wiederbelebungsunterricht an öffentlichen Schulen

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03. Juli 2019, 05:00 Uhr

Massive Kritik an der Situation des Rettungsdienstes in Deutschland haben Vertreter der privaten „Björn-Steiger-Stiftung“ geäußert. Auf der Jahrestagung der Stiftung in Berlin mahnten sie unter anderem bundesweit einheitliche Hilfsfristen, bessere Ausbildung in lebensrettenden Sofortmaßnahmen und einen transparenteren Umgang mit den Daten zum Ablauf von Rettungseinsätzen an.

„Ich hoffe sehr, dass die vielen Herausforderungen im Rettungsdienst endlich den nötigen Platz auf der Tagesordnung der Politik einnehmen, den sie verdient haben“, sagte Stiftungspräsident Pierre Steiger. Die in Winnenden (Baden-Württemberg) beheimatete Stiftung wurde vor 50 Jahren gegründet, nachdem der neunjährige Sohn des Stifterpaares Ute und Siegfried Steiger auf dem Heimweg von einem Schwimmbad von einem Auto angefahren wurde. Er starb, nachdem es zuvor trotz mehrfacher Alarmierung mehr als eine Stunde dauerte, bis ein Krankenwagen kam. Seitdem setzt sich die Stiftung für einen besseren Rettungsdienst in Deutschland ein.

„Überleben darf keine Frage des Bundeslandes oder des Landkreises – und damit des Zufalls – sein“, sagte der Geschäftsführer der Steiger-Stiftung, Ulrich Schreiner. Im Gespräch mit dieser Zeitung würdigte er Brandenburg dafür, dass seine Rettungsleitstellen im Unterschied zu anderen Bundesländern nach einheitlichen Prinzipien arbeiteten. Kritisch äußerte er sich zu der im Land vorgeschriebenen Hilfsfrist, die die Zeit bis zum Eintreffen des Rettungswagens beim Patienten vorgibt: In Brandenburg beträgt diese 15 Minuten. In Mecklenburg-Vorpommern sind zehn Minuten und in Sachsen zwölf Minuten vorgesehen.

Zudem müssten dringend mehr Menschen in erster Hilfe und Wiederbelebungsmaßnahmen geschult werden. „Wir brauchen eine bundesweite, verpflichtende Ausbildung in erster Hilfe und Wiederbelebungsmaßnahmen“, sagte Schreiner.

Das Mitglied der Arbeitsgruppe „Forum Rettungsdienst“ der Steiger-Stiftung, Michael Fries, verwies darauf, dass in Deutschland pro Jahr rund 70 000 Menschen sterben, weil eine Herz-Lungen-Wiederbelebung zu spät begann oder aus anderen Gründen erfolglos blieb. „Wenn es gelingt, Ersthelfer zu aktivieren, steigert das die Überlebenschancen um das Doppelte oder sogar Dreifache“, sagte Fries.

Doch während in den Niederlanden oder in Norwegen in 75 Prozent der Fälle eines Herzstillstands Ersthelfer bereits vor Eintreffen des Rettungswagens mit einer Wiederbelebung begonnen haben, geschehe das in Deutschland gerade einmal in 39 Prozent der Fälle.

In Brandenburg hat sich der Landtag im Dezember 2018 mit den Stimmen aller Fraktionen dafür eingesetzt, dass ab der siebenten Klasse in jedem Schuljahr zwei Unterrichtsstunden in den Fächern Biologie oder WAT für das Thema „Wiederbelebung“ und für Erste-Hilfe-Trainings reserviert werden.

Wie der Sprecher des Bildungsministeriums, Ralf Kotsch, dieser Zeitung mitteilte, sei man dabei, eine einjährige Pilotphase vorzubereiten, an der bis zu 25 Schulen beteiligt sein sollen. „Dabei sind für diese Schulen regionale Fortbildungen für Lehrkräfte vorgesehen, mit dem Ziel, dass die Lehrkräfte den Reanimationsunterricht auf Basis eines einheitlichen, gemeinsam abgestimmten Curriculums umsetzen können“, sagte Kotsch. „Eine wesentliche Voraussetzung ist, dass den Schulen die Übungspuppen zur Verfügung gestellt werden.“

Im Land gibt es 854 allgemeinbildende Schulen. Schon heute würden aber viele Brandenburger Schulen mit Rettungsdiensten kooperieren. Die Schulgesundheitsfachkräfte würden Erste-Hilfe-Kurse an Schulen organisieren, an manchen gebe es Schulsanitäter.

Ein Projekt des Vereins „Pepiniere e.V.“ mit Bildungsministerin Britta Ernst (SPD) als Schirmherrin habe zudem dafür gesorgt, dass seit 2018 rund 2000 Brandenburger Schüler die erste Stufe der Reanimationsausbildung absolvierten. Im Land lernen rund 244 000 Schüler an allgemeinbildenden Schulen.

Der bildungspolitische Sprecher der Brandenburger CDU, Gordon Hoffmann, fordert, dem Thema Erste-Hilfe-Ausbildung an Brandenburgs Schulen Priorität zu geben. Nach einem mit großer Mehrheit gefassten Landtagsbeschluss dürften nicht „Monate des Nichtstuns“ ins Land gehen, bevor dieser umgesetzt werde.

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