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Filmstudio Babelsberg : Mehr als historische Außenkulisse

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

„Neue Berliner Straße“ im Babelsberger Gewerbegebiet kann sich dank der 3D-Werkstätten in jede Metropole der Welt verwandeln

svz.de von
erstellt am 28.Jul.2017 | 05:00 Uhr

Die Straße ist gegliedert nach den Berliner Stadtteilen Charlottenburg, Kreuzberg und Wedding – hinzu kommt die Einkaufsmeile Friedrichstraße. „Doch das kann ganz schnell auch Stockholm in den 1940er Jahren, London in den 70ern oder das heutige Paris werden“, erklärte Michael Düwel, Geschäftsführer des Art Departments im Studio Babelsberg und damit oberster Kulissenbauer. „Das sind nur ein paar Tage Arbeit.“

Die vor gut einem Jahr für 8,5 Millionen Euro in einem Babelsberger Gewerbegebiet aufgebaute „Neue Berliner Straße“ ist die Nachfolgerin der Außenkulisse „Berliner Straße“, in der von 1998 mehr als 200 Filme gedreht wurden, darunter die Kult-Streifen „Sonnenallee“, „Herr Lehmann“ und „Mein Führer“. 2013 wurde die Kulisse abgerissen und gut zwei Jahre später für die Serie „Babylon Berlin“ von Regisseur Tom Tykwer, die im Berlin der 1920er Jahre spielt, neu aufgebaut.

Doch die „Neue Berliner Straße“ ist mehr als eine Kulisse für die historische Hauptstadt. Jüngst hat der britische Regisseur Duncan Jones dort den Film „Mute“ gedreht, der im Berlin des Jahres 2052 spielt. Da ragen Rohre aus den Fassaden und Straßen, die Einwohner sind in dem düsteren Streifen meist mit Flugmobilen unterwegs.

Inzwischen strahlen die Straßenzüge in dem Babelsberger Gewerbegebiet wieder im verblichenen Glanz der goldenen 1920er Jahre.

Möglich werde die enorme Wandlungsfähigkeit der Außenkulisse durch die 3D-Werkstätten des Studios Babelsberg, erläutert Düwel. „Dort können die Entwürfe der Szenenbildner mit robotergesteuerten Maschinen 1:1 aus Styropor ausgeschnitten und gestaltet werden.“ Diese Technik kam auch schon in der benachbarten Außenkulisse eines verwunschen Dorfs zum Einsatz. „Das war zunächst ein englisches Mittelalterdorf mit Backsteinen“, berichtet Düwel. „Doch dann wurde dort ein Hänsel-und-Gretel-Film gedreht, der im Augsburg des 18. Jahrhunderts spielt.“ Dafür mussten an den Häusern die Backsteine gegen eine Oberfläche mit Feldsteinen ausgetauscht werden. „Denn in Augsburg wurden damals Feldsteine verwendet“, erläutert Düwel. „Mit vier Straßenzügen in unterschiedlichen Architekturstilen und mehreren Innenhöfen lässt sich das flexible modulare „Backlot“ in jede Metropole der Welt umwandeln“, wirbt das Studio im Internet für die Außenkulisse. Und das lockt nicht nur Filmemacher, sondern inzwischen auch die Werbeindustrie, berichtet Studio-Sprecher Eike Wolf. „Im vergangenen Jahr hat Mercedes Benz hier einen Werbetrailer für ihren E-Truck gedreht“, erzählt Wolf. „Die Neue Berliner Straße war für sie ideal – die brauchten eine urbane Kulisse, die schön abgelegen ist, damit niemand frühzeitig den Prototyp erspäht.“ Der große Vorteil für Filmemacher ist: „Wenn Sie in einer realen Berliner Straße drehen, dann muss dort zu einem bestimmten Termin abgesperrt werden, an die Bewohner werden als Dankeschön Gutscheine verteilt – und dann regnet es womöglich“, erläutert Wolf. „Hier können die Teams völlig flexibel arbeiten.“

Die vielbeachtete ARD-Serie „Charité“ über das berühmte Berliner Krankenhaus wurde trotzdem in Prag und nicht in Babelsberg gedreht. „Das ist ärgerlich, aber die Tschechen zahlen eine höhere Filmförderung“, meint Wolf. Noch wartet das Studio Babelsberg auf eine ganz große Produktion aus Hollywood. „Das wünschen wir uns natürlich und dafür würden wir die Straße auch ganz nach Wunsch umbauen“, meint Wolf.

Erdacht wurde die „Neue Berliner Straße“ von dem Szenenbildner Uli Hanisch. Anders als bei der T-förmigen Kulisse für den Film „Sonnenallee“ sei es für die Serie „Babylon Berlin“ darum gegangen, möglichst viele verschiedene Ecken von Berlin anzubieten. „Es gibt mehr als 50 verschiedene Fassaden, abgestuft von ganz reich verziert in Charlottenburg bis ganz glatt und arm im Wedding“, erläutert Hanisch. Als Vorlagen dienten ihm tausende Fotos aus dem Berlin vor dem Zweiten Weltkrieg. „Berlin ist architektonisch sehr homogen, weil die Stadt in wenigen Jahrzehnten zwischen 1880 und 1920 entstanden ist“, sagt er.

Auffällig ist, dass alle Fassaden in unterschiedlichen Winkeln stehen, es gibt keine gerade Straßenschlucht. „Ich glaube nicht an den rechten Winkel“, sagt der Szenenbildner. „Viele reale Straßen haben Kurven und Ecken und Brüche.“ Eine gerade Flucht biete dem Auge keinen Punkt zum Verweilen. „Dagegen ist jeder Sprung und Versatz für die Kamera ein Punkt zur Orientierung.“ Wenn sich Hanisch eine Produktion für seine Straße wünschen könnte, dann sollte die möglichst weit weg von dem historischen Berlin sein.

140 Tage Bauzeit

Die Außenkulisse „Neue Berliner Straße“ wurde von Dezember 2015 an in 140 Tagen Bauzeit von etwa 200 Mitarbeitern aufgebaut.

Die wichtigsten Kennzahlen:

9000 Quadratmeter Baufläche;  54 Hausfassaden mit 8400 Quadratmetern Fläche; 12 bis 15 Meter Bauhöhe; 600 Fenster und Türen; 500 Tonnen Stahlkonstruktion; 5500 Quadratmeter Kopfsteinpflaster und Asphaltstraßen, die mit Fahrzeugen bis zu 20 Tonnen befahrbar sind.


 

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