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Akademie der Gesundheit : Medizinische Fachbegriffe büffeln

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Der Eberswalder Verein Kontakt hilft Migranten bei der staatlichen Anerkennung ihrer ausländischen Berufsabschlüsse.

svz.de von
erstellt am 20.Okt.2017 | 05:00 Uhr

Krankenpfleger Yasser Jayousi aus Syrien möchte unbedingt wieder in seinem Beruf arbeiten. Vor 20 Monaten war der 26-Jährige aus Damaskus geflohen, weil er nicht in die Armee eintreten wollte. Seitdem lebt er in Eberswalde (Barnim), lernt eifrig die deutsche Sprache und bemüht sich um staatliche Anerkennung seiner syrischen Berufsabschlüsse. „Ich habe als OP-Assistent in der Kardiologie gearbeitet und würde das gern auch in einem deutschen Krankenhaus tun“, sagt er.

Krankenpfleger Lazar Jovic aus Serbien hat die Suche nach einer beruflichen Perspektive ganz anders angestellt, wie er erzählt. „Ich habe mich von Zuhause aus in deutschen Pflegeheimen beworben, nachdem ich schon in Serbien Deutsch lernte.“ In einer Senioreneinrichtung in Hennigsdorf (Oberhavel) war er im Frühjahr 2016 beim Vorstellungsgespräch. „Die wollten mich, aber ich musste noch bis Ende vergangenen Jahres auf das Arbeitsvisum warten“, erzählt der 21-Jährige, der seitdem als Hilfskraft in dem Pflegeheim arbeitet. Erst wenn sein serbischer Berufsabschluss anerkannt wird, kann er dort als „richtiger“ Pfleger einsteigen. „Die deutsche Bürokratie ist komplizierter als ich dachte“, stöhnt Lazar.

Gemeinsam mit Yasser und neun jungen Frauen aus unterschiedlichen Ländern sitzt er in einem Klassenraum in der Eberswalder Akademie der Gesundheit und büffelt medizinische Fachbegriffe. „Es gibt in Deutschland Ausbildungsberufe, in denen ausländische Fachkräfte ohne das Prozedere der staatlichen Anerkennung nicht arbeiten dürfen“, erläutert Projektleiterin Anne Dann vom Eberswalder Verein Kontakt.

Dazu zählten Pflegefachberufe ebenso wie Physiotherapeuten oder Erzieher. Zunächst müssen die Betroffenen im Land Brandenburg einen Antrag beim Landesamt für Arbeitsschutz, Verbraucherschutz und Gesundheit stellen (LAVG). „Der von dieser Behörde ausgestellte Bescheid ist dann unsere Handlungsgrundlage“, sagt die studierte Erziehungswissenschaftlerin.

Die in der Regel festgestellten Unterschiede in Ausbildung oder Berufsstandards können dann wahlweise in einem elf Monate dauernden Anpassungslehrgang oder durch einen dreimonatigen Vorbereitungskurs auf eine praktische und theoretische Kenntnisprüfung ausgeglichen werden. „Jeweils im Wechsel gibt es eine Woche Theorie und die nächste dann Praxis. Dafür arbeiten wir mit zugelassenen Bildungsträgern wie der Akademie für Gesundheit und Krankenhäusern wie dem Potsdamer Ernst-von-Bergmann-Klinikum zusammen.“ Insgesamt 42 Gesundheits- oder Krankenpfleger mit Migrationshintergrund habe der Verein seit März 2015 erfolgreich begleitet. 22 weitere lernten derzeit in den unterschiedlichen Kursen. „Wer die staatliche Anerkennung in der Tasche hat, der hat kein Problem, Arbeit zu finden“, so die bisherigen Erfahrungen der Projektleiterin.

Drei Physiotherapeuten aus dem Ausland werden derzeit individuell qualifiziert, der erste hat im Oktober seine Kenntnisprüfung. „Da gibt es noch keine Kurse, weil der Bedarf noch nicht so hoch ist“, erzählt sie. Für potenzielle Erzieherinnen aus dem Ausland sei das Projekt noch im Aufbau. „In diesem Berufsbereich müssen die Anträge auf Anerkennung dann beim Schulamt in Cottbus gestellt werden“, sagt Dann.

Kontakt hat der Verein inzwischen auch zu Migrantinnen, die eine Ausbildung im medizinisch-technischen Bereich haben und sich im sogenannten Anerkennungsverfahren befinden. „Sobald es entsprechende Bescheide des LAVG gibt, können wir auch hier unterstützen.“ Das Projekt „Anpassungsqualifizierung“ des Vereins Kontakt Eberswalde ist Teil des landesweiten Förderprogramms „Integration durch Qualifizierung“, das im Brandenburger Arbeitsministerium koordiniert wird. Die Kurse sind für die Teilnehmer kostenlos. Das Geld dafür kommt aus dem Europäischen Sozialfonds und vom Bundesarbeitsministerium. „Das Projekt ist vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels gerade in Dienstleistungsberufen aus unserer Sicht sehr sinnvoll und hat sich gut etabliert“, sagt Ministeriumssprecherin Marina Ringel. Ausländische Fachkräfte würden damit in relativ kurzer Zeit fit gemacht für den deutschen Arbeitsmarkt.

Dass sich die Eberswalder in diesem Bereich so engagieren, hat seinen Grund. „Der Verein entstand 2006 aus einem Selbsthilfe-Modellprojekt von Spätaussiedlern. Hauptzweck ist die Förderung der Integration und die Unterstützung von Migranten mit Bleibe-recht“, erklärt Irina Holzmann, Gründungs- und Vorstandsmitglied bei Kontakt Eberswalde. „Ich bin dankbar für die Beratung und Unterstützung durch dieses Projekt. Allein hätte ich das so wohl nie geschafft“, sagt Lazar Jovic, der inzwischen Gefallen am Lernen findet. „Medizin interessiert mich, da will ich mich noch weiterbilden und entwickeln.“

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