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grenzüberschreitende Versorgung : Medizin beiderseits der Grenze

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Deutsch-polnischer Gesundheitsverband in Gründungsphase / Symposium in Slubice

svz.de von
erstellt am 08.Feb.2015 | 22:00 Uhr

Die Bevölkerungsstruktur ändert sich. In Deutschland aber auch in Polen. Die Menschen werden immer älter und sind auf medizinische Versorgung angewiesen. Warum die Kräfte beiderseits der Grenze nicht bündeln?

Die 70-jährige Gertrud M. wohnt unweit der deutsch-polnischen Grenze in einem kleinen Dorf in der Uckermark. Ihr Knie schmerzt. Einen Termin beim Orthopäden würde sie aber erst in einem halben Jahr bekommen – zu viele Patienten, zu wenig Ärzte, ein bekanntes Problem. „Warum gehen sie nicht nach Stettin zum Arzt?“, fragt ihre polnische Nachbarin. Ja, warum eigentlich nicht? Es gibt viele Argumente, die dagegen sprechen. Sie spricht kein Polnisch und der Orthopäde womöglich kein Deutsch, der Arztbesuch wird nicht von einer deutschen Krankenkasse bezahlt werden – es sei denn es wäre ein Notfall –, und weil die zwei Gesundheitssysteme total unterschiedlich sind.

Enrico Triebel aus Potsdam beschäftigt dies seit Jahren. Der Rechtsanwalt ist auf Pflege- und Sozialrecht spezialisiert, hat in Frankfurt (Oder) und in Polen studiert, spricht beide Sprachen und will nicht akzeptieren, dass die Gesundheitsversorgung an der deutsch-polnischen Grenze enden soll. „Warum kann man nicht beiderseits der Oder kooperieren und von Schwedt aus nach Stettin zum Facharzt fahren oder von Slubice zum Physiotherapeuten nach Frankfurt gehen?“. Und zwar weniger aus Kostengründen, sondern weil gerade dort ein Termin frei ist. Oder weil es näher ist und der Patient nicht stabil genug für einen längeren Transport.

25 Jahre nach der Wende sollte die grenzüberschreitende medizinische Versorgung doch möglich sein – gerade in der Grenzregion – meint Triebel und schreitet ans Werk. Der Pflegerechtsexperte ist gut vernetzt beiderseits der Oder im Gesundheitsbereich und rennt mit seinem Projekt des deutsch-polnischen Gesundheitsverbandes offene Türen ein.

„Allma Consulting“ heißt die Unternehmensberatung von Triebel. Seine Kunden sind Pflegeeinrichtungen, die er im rechtlichen Bereich berät. Zunehmend gehören polnische Firmen, die in Deutschland aktiv werden und deutsche Unternehmen, die in Polen Fuß fassen wollen, auch dazu. „Der Bedarf ist da, die Kliniken und Gesundheitsunternehmen wollen zusammenarbeiten“, sagt Triebel, der an der Universität Cottbus-Senftenberg auch Pflegerecht im Studiengang „Pflegewissenschaft“ lehrt. Das meiste laufe bisher über private Kontakte, was in so einem wichtigen Sektor wie die Gesundheitsbranche fehl am Platze ist. Als Beispiel nennt Triebel einen polnischen Arzt, der nur über Bekannte in einer Brandenburger Klinik hospitieren durfte, um die Arbeitsweise der Kollegen kennenzulernen. Gäbe es einen Interessenverband, der die Gesundheits- und Sozialbranche beiderseits der Grenze vertreten würde, würden solche Austausche viel besser funktionieren. Triebel würde deswegen den vorhandenen Kooperationswillen gern auf eine gemeinsame Plattform stellen und die Zusammenarbeit professionalisieren und institutionalisieren: in Form eines deutsch-polnischen Gesundheits- und Sozialverbandes.

Bereits jetzt profitieren deutsche Patienten von den Kuren in Polen, rechnen sie mit deutschen Krankenkassen ab und polnische Mütter bringen ihre Kinder zur Welt in der Uckermark. Noch sei es aber in einer Grauzone, dort Klarheit zu schaffen, wäre ein Anliegen von Triebel. Dabei denkt er nicht nur an Ärzte, Pfleger und Fachkräfte im sozialen Bereich, sondern auch an Institutionen wie Krankenkassen, Altenheime, Kranken- und Altenpflegeschulen oder auch Apotheken.

Billige Pflegerinnen aus Polen für alte Menschen in Deutschland? Das gibt es doch schon. Enrico Triebel winkt ab. „Wir müssen uns von dem Bild des Billiglohnlandes Polen verabschieden, aus dem nur Ressourcen abgezapft werden. 25 Jahre nach der Wende sollen wir uns als gleichberechtigte Partner begegnen“, sagt er und berichtet über komplizierte Operationen, der Verbrennungsopfer, die in Polen durchgeführt werden. „Da ist viel Potenzial – genauso wie in Brandenburg“.

Denn auch das Nachbarland habe mit Überalterung, Abwanderung und veränderten sozialen Verhältnissen zu kämpfen. Die deutschen Heimbetreiber finden bisher keinen Ansprechpartner, dem sie ihre Pläne präsentieren können, erklärt der Potsdamer. Ähnlich geht es einem Direktor einer großen polnischen Klinik. Er würde seine Ärzte am liebsten nach Deutschland zu Facharztausbildung schicken. Für all diese Vorhaben und andere mehr hätten die Ärzte, Pfleger und Gesundheitsunternehmen in einem binationalen Verband eine Anlaufstelle. Dieser befinde sich in der Gründungsphase. Mitglieder erhielten Fachinformationen, es sind Tagungen, Symposien und in naher Zukunft eine Fachzeitschrift zur deutsch-polnischen Pflegewirtschaft geplant.

Der erste Schritt ist getan. Am 12. Februar findet in Slubice die 1. deutsch-polnische-Gesundheitsfachtagung statt, mit Vorträgen der deutschen und polnischen Krankenkassen, Gesprächen über Fachkraftsicherung und Schaffung der Rahmenbedingungen für Zusammenarbeit von Brandenburg und Polen bei medizinischer Versorgung und in der Gesundheitswirtschaft. Die Tagung wird zusammen mit der Friedrich-Ebert-Stiftung organisiert.

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