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Brandenburg

24. September 2017 | 08:58 Uhr

Ärzteschwund : Mangelware mit Stethoskop

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Vor einem Jahr sagte die Regierung dem Ärzteschwund den Kampf an – bislang ist wenig passiert

svz.de von
erstellt am 01.Feb.2017 | 05:00 Uhr

Wenn die Brust schmerzt oder die Haut entzündet ist, haben viele Patienten in Brandenburg weite Wege vor sich. Denn in keinem anderen Bundesland ist die Arztdichte so niedrig. Lässt man die Klinikärzte unberücksichtigt, kamen Ende 2015 – so die aktuellsten Zahlen – auf einen Mediziner 733 Einwohner. Im Bundesdurchschnitt waren es 670.

Vollmundig sagte Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) vor zwei Jahren: „Gute medizinische Versorgung darf auch in Zukunft keine Frage des Wohnorts sein“ und verkündete ein „Versorgungsstärkungsgesetz“, das 2016 in Kraft trat. Es sollte Mediziner aus den mit Arztpraxen überfüllten Großstädten aufs Land locken. Wartezeiten auf Facharzttermine sollten verkürzt und die Versorgung von Entlassenen aus dem Krankenhaus verbessert werden.

Die Lage jenseits der Großstädte wird in den nächsten Jahren an Schärfe zunehmen – durch das wachsende Durchschnittsalter der Allgemeinärzte. Tausende werden in den kommenden zehn Jahren in Rente gehen. In Brandenburg ist jeder dritte Hausarzt älter als 60 Jahre. Für viele gibt es keinen Nachfolger. Die Arbeit auf dem Land ist beschwerlich – die Wege zu den Patienten bei Hausbesuchen sind weit, der Andrang in den Praxen wegen ihrer sinkenden Zahl groß. Vor allem lässt sich deutlich weniger Geld verdienen als in der Stadt. Auf dem Land leben weniger Privatpatienten, für die höhere Honorare abgerechnet werden können.

Im dünn besiedelten Brandenburg ist der Kampf gegen den Ärztemangel schwierig. Hier gebe es keine überversorgten Gebiete, sagt Hans-Joachim Helming, Vorstandschef der Kassenärztlichen Vereinigung Brandenburg (KVBB). „Im Land sind alle Praxen versorgungsrelevant. Brandenburg ist das Land mit der geringsten Arztdichte bundesweit und den ältesten und kränksten Patienten.“ Die 3695 ambulant – also außerhalb der Krankenhäuser – tätigen Ärzte versorgen seinen Angaben zufolge im Schnitt 30 Prozent mehr Fälle als eine Praxis im Bundesdurchschnitt.

Zudem öffne sich bei Hausärzten in immer mehr Regionen eine Kluft. In einem Drittel der Mark droht die Unterversorgung mit Hausärzten. Die Zahl der betroffenen Regionen stieg im Vergleich zum Vorjahr von 13 auf 16.

Es gibt mehrere Ansätze, die Ungleichheit von Stadt und Land einzuebnen. Ein Vorhaben setzt in Regionen an, wo es mindestens 40 Prozent mehr Ärzte gibt, als vom Gesundheitsministerium für notwendig erachtet. Diese als überversorgt bezeichneten Gegenden sind meist Städte und Metropolregionen. Der Plan sieht vor, dort Praxen zu schließen, wenn der Inhaber in Rente geht. Er kann für die Praxisaufgabe eine Entschädigung von der jeweiligen Kassenärztlichen Vereinigung und den Krankenkassen erhalten, deren Zulassungsausschuss auch über die Stilllegung entscheiden muss.

Ziel ist, dass Ärzte sich stattdessen auf dem Lande niederlassen. Deutschlandweit Hunderte Praxen in solchen Gebieten könnten so dicht gemacht werden. Nach Recherchen des ARD-Magazins „Monitor“ waren es im Vorjahr nur vier – drei in Mecklenburg-Vorpommern, eine in Nordrhein-Westfalen.

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung lief von Anfang an Sturm gegen das Modell. Man könne nicht staatlich vorschreiben, wo sich Ärzte niederlassen, empört sich KBV-Sprecher Roland Stahl. „Die Vorstellung, damit eine Verlagerung herbeizuführen, halte ich für seltsam.“ Diese Praxen versorgten auch das Umland. Brandenburger gingen zum Facharzt nach Berlin, Schleswig-Holsteiner, Niedersachsen nach Hamburg.

Auch was die Stärkung von Landärzten betrifft, wirkt sich der Plan Gröhes bislang kaum aus. Immerhin gebe es mehr Anreize für Mediziner, sich auf dem Land niederzulassen, sagte Sebastian Gülde, Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums. So könnten Ärzte leichter eine bestehende Praxis übernehmen. Vor allem, wenn sie ihre Tätigkeit in ein unterversorgtes Gebiet verlegen.

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung sieht die Maßnahmen positiv. „Viele strenge Regularien sind gelockert worden, etwa, dass der Arzt dort wohnen muss, wo er praktiziert“, so Sprecher Stahl. Trotz hoher Arbeitsbelastung sei es finanziell attraktiv, sich als Arzt auf dem Land niederzulassen. Die Kassenärztlichen Vereinigungen böten Umsatzhilfen und Investitionszuschüsse.

Auch Lockprämien von bis zu 50 000 Euro wie in Brandenburg, scheinen keine große Wirkung zu entfalten. Seit 2006 wurden so gerade 45 Praxen in den bedürftigsten Regionen des Landes eröffnet. Sie werden je zur Hälfte aus den Honoraren der niedergelassenen Ärzte und von den Krankenkassenverbänden finanziert.

Auch bei Fachärzten wird die Lage prekärer. Durch das steigende Alter der Versicherten werden künftig vermehrt bestimmte Arztgruppen gesucht wie Augenärzte, Gerontologen und Orthopäden. Der Bedarf kann von Landkreis zu Landkreis verschieden sein. Deshalb gibt es im Land verstärkt Modelle, um dem Mangel abzuhelfen, etwa Patientenbusse und ambulante Versorgungszentren in Krankenhäusern. Durch die mit dem Versorgungsstärkungsgesetz geschaffene Möglichkeit, Facharzttermine über eine zentrale Nummer zu suchen, haben im Vorjahr 2400 Brandenburger einen Termin erhalten. Bei zehn Millionen Behandlungen sei diese Zahl jedoch sehr gering, meint die KVBB.

Jedoch können Brandenburgs Kassenärzte auch gute Nachrichten vermelden: So konnte der akute Notstand bei Augenärzten in der Region Elsterwerda/Bad Liebenwerda und Finsterwalde (Elbe-Elster) im Vorjahr behoben werden.  

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