Soldatengräber : Makabrer Fund in der Oder

Grabkreuz für einen polnischen Soldaten: Bei dem Dorf Stare Lysogórki wurden jetzt Hunderte davon in der Oder gefunden und inzwischen geborgen.
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Grabkreuz für einen polnischen Soldaten: Bei dem Dorf Stare Lysogórki wurden jetzt Hunderte davon in der Oder gefunden und inzwischen geborgen.

Aufgrund des Niedrigwassers Hunderte Grabsteine von 1945 gefallenen polnischen Soldaten entdeckt

svz.de von
02. September 2015, 16:15 Uhr

Das Niedrigwasser der Oder hat in den vergangenen Wochen so manche Dinge preisgegeben, die über Jahrzehnte verborgen waren. Am östlichen Ufer des Flusses gab es einen besonders makabren Fund.

Kazimierz Kuczynski und Stanislaw Chojnacki waren zwei Soldaten aus der 1. Polnischen Armee. Am 17. beziehungsweise 18. April 1945 sind sie in den blutigen Kämpfen gefallen, die sich ihre Einheit damals mit der deutschen Wehrmacht beim Übergang über die Oder lieferte. Die beiden gehören zu den 1987 Soldaten, deren Gebeine nach dem Krieg geboren und auf einem großen Friedhof bei dem Dorf Stare Lysogórki (früher: Alt Lietzegöricke) bestattet wurden. Der Ort liegt nur wenige Kilometer nördlich der Fähre zwischen Güstebieser Loose (Märkisch-Oderland) und Gozodwice am östlichen Ufer der Oder.


An vielen Steinen noch die Namensschilder


„Vor gut zwei Wochen berichtete uns ein Nutzer unseres Internetportals, das er in der Oder dort ein Geschütz aus dem Zweiten Weltkrieg gesehen habe“, erzählt Wojciech Stanczyk. Der polnische Journalist arbeitet für das regionale Internetportal chojnanews.pl. „An dem beschriebenen Ort angekommen, sah ich zwar die Umrisse eines verrosteten Geschützes durch das Wasser schimmern“, beschreibt er seine Eindrücke.

Doch ein anderer Fund habe ihn an diesem Tag noch deutlich mehr beeindruckt. Das Niedrigwasser hatte Hunderte Steine freigegeben, die von weitem wie eine Buhne wirkten. Doch als er sich näherte, erkannte er, dass es sich um Grabsteine in Form des sogenannten Grunwald-Kreuzes handelte, das in der Volksrepublik Polen als Ehrentitel vergeben wurde. An zahlreichen Steinen befanden sich noch die Namensschilder der Toten, unter anderem auch die von Kazimierz Kuczynski und Stanislaw Chojnacki. „Unser erster Bericht im Internet sorgte für heftige Reaktionen“, berichtet Stanczyk. „Die Grabsteine unserer Helden liegen am Ufer der Oder“, titelte die größte Stettiner Zeitung „Glos Szczecinski“ ihren Bericht. Und Andrzej Salwa, Bürgermeister der Stadt Mieszkowice (Bärwalde), zu der Stare Lysogórki gehört, sprach von einem äußerst unangenehmen Fund.

Die Journalisten erfuhren von älteren Einwohnern, dass die Grabsteine zu Beginn der 1970er Jahre in den Fluss geworfen wurden. Seinerzeit wurde der Friedhof erneuert und die alten Grabsteine durch neue ersetzt. „Tatsächlich meinte man damals wohl, dass die alten Steine noch gut für eine Buhne zur Regulierung des Oderwassers taugen könnten“, berichtete ein älterer Mann.

Dafür, weshalb man seinerzeit nicht wenigstens die Schilder mit den Namen der Toten entfernte, hatte er freilich keine Erklärung. Auch, weil sich immer mehr Medien für das Thema interessierten, rief Bürgermeister Salwa die Bewohner des Dorfes dazu auf, den makabren Fund so schnell wie möglich zu beseitigen. Bei mehreren Einsätzen, an denen sich freiwillige Feuerwehren und andere Helfer beteiligten, wurden die Steine eingesammelt und vor allem die Namensschilder abgetrennt. Sie sollen ihren Platz im Museum von Stare Lysogórki finden.

Einige Kilometer flussabwärts bei Cedynia (Zehden) wurde am Oder-Ufer übrigens eine alte Fischerbarke entdeckt, die wahrscheinlich in den 1960er Jahren gezielt auf Grund gesetzt worden war. Vermutlich diente das nicht mehr für die Schifffahrt taugliche Fahrzeug seinerzeit als improvisierter Anlegesteg für andere Schiffe und Boote. Dass der Fluss bei Alt Lietzegöricke noch weitere dunkle Geheimnisse verbergen könnte, vermutet dagegen Wojciech Stanczyk. „Ältere Bewohner des Ortes berichteten mir, dass kurz nach dem Krieg auch die Grabsteine vom früheren deutschen Friedhof in die Oder geworfen wurden“, sagt der Reporter. Bisher seien diese aber noch nicht wieder aufgetaucht.  

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