Gerücht in Berlin : Mädchen erfindet Vergewaltigung

Patrick Pleul

Patrick Pleul

Gerücht aus Berlin-Marzahn versetzt Besucher von Online-Portalen in Aufruhr. Misstrauen gegenüber der Polizei

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18. Januar 2016, 21:00 Uhr

Die angebliche Vergewaltigung eines 13 Jahre alten Mädchens durch drei „Südländer“ in Berlin sorgt für heftige Auseinandersetzungen und für einen Schlagabtausch im Internet. Die Polizei dementiert die Gerüchte vehement. Dennoch wird auf rechten Portalen gegen Ausländer gehetzt und zu Selbstjustiz aufgerufen.

Die Familie des angeblichen Opfers hatte das Mädchen am Montag vor einer Woche als vermisst gemeldet. Etwa 30 Stunden später tauchte es wieder auf. Seitdem kursiert in sozialen Netzwerken im Internet die Geschichte, dass die 13-Jährige von drei „Südländern“ auf dem Weg zur Schule entführt und vergewaltigt worden sein soll.

Ein russischer TV-Sender griff das Thema in einem vierminütigen Bericht auf, in dem das Gerücht als Tatsache dargestellt wurde. Als Zeugin wurde eine Tante des Mädchens interviewt, die sich auf Russisch ausführlich zum angeblichen Tathergang äußerte und der Polizei Vertuschung unterstellte.


Eine Million Klicks im Internet


Dieses Video stellte am Sonntag die rechte Facebook-Gruppe „Anonymous Kollektiv“ mit deutschen Untertiteln online. Es wurde dort innerhalb weniger Stunden fast eine Million Mal angeklickt. Leser kommentierten den Beitrag etwa mit dem Aufruf zu Waffengewalt.

Gestern meldete sich schließlich die Polizei zu Wort: „Fakt ist – nach den Ermittlungen unseres LKA gab es weder eine Entführung noch eine Vergewaltigung“, heißt es in einer Mitteilung. Bei den Untersuchungen sei auch ein Mediziner eingeschaltet gewesen. Details teilte die Polizei mit Verweis auf den Persönlichkeitsschutz der Minderjährigen nicht mit.

Zu den Erklärungen von Familienangehörigen des Mädchens etwa auch auf einer NPD-Demo am Wochenende in Marzahn, wonach die Ermittler die 13-Jährige unter Druck gesetzt hätten, ihre Aussage zurückzunehmen, erklärte die Polizei: „Dass Verwandte Sachverhalte verdrehen oder andere Dinge glauben, ist für uns kein Anlass für ein Ermittlungsverfahren.“


Polizei weist Vorwürfe zurück


Auch auf der Facebook-Seite der Polizei wurde die Angelegenheit gestern heftig diskutiert. Kommentatoren bezichtigten die Beamten der Lüge.

Dass zum Schutz des Mädchens auf weitere Informationen über die Ermittlungen verzichtet wird, interpretierten viele Schreiber als Bestätigung dafür, dass an der Sache doch etwas dran ist. Immer wieder wies das Social-Media-Team der Polizei diese Unterstellungen zurück. Vergeblich.

Andere Besucher der Seite riefen die Polizei wiederum auf, gegen die Hetzer juristisch vorzugehen, was sie sich in einigen Fällen dann auch ausdrücklich vorbehielt.

Ein Nutzer schrieb: „Ich kann mir trotz aller Verschwörungstheorien nicht vorstellen, dass die Polizei bei dem Fall lügt. Dazu ist dieser Fall einfach viel zu sehr im Licht der Öffentlichkeit, und das würde am Ende ganz mies ausgehen, wenn man hier bewusst lügt. Nach Köln glaube ich nicht, dass so was noch einmal passiert.“

Mathias Hausding

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