Hauptstadtflughafen : Losfliegen – aber ohne Party

Geschäftsführer Engelbert Lütke Daldrup beim Richtfest von Terminal 2.
Geschäftsführer Engelbert Lütke Daldrup beim Richtfest von Terminal 2.

In einem Jahr soll der BER wirklich öffnen. Umzugsunternehmen werden schon gesucht für den großen Wechsel von Tegel zum BER

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05. Oktober 2019, 05:00 Uhr

Hinter dem Schreibtisch des Berlin-Brandenburger Flughafenchefs hängt ein Luftbild des neuen Großflughafens von Peking. Nach vier Jahren Bauzeit haben die Chinesen den Mega-Bau in Betrieb genommen. Am Großflughafen BER in Schönefeld dagegen wird seit 13 Jahren gebaut, mal mehr und mal weniger. In einem Jahr will Engelbert Lütke Daldrup den Problemflughafen nun aber an den Start bringen.

Kann er den Vergleich mit China noch hören? „20 000 Menschen sind zwangsumgesiedelt worden“, sagt Lütke Daldrup mit Blick auf Peking. In einer Demokratie dagegen gebe es Beteiligungsrechte, rechtsstaatliche Verfahren und auch deshalb wesentlich längere Planungszeiten. „Aber natürlich kann man schon ein bisschen neidisch werden“, sagt der Berliner Flughafenchef. „Auch bei der Leistungsfähigkeit der Bauwirtschaft können wir von China lernen.“

Als Lütke Daldrup 2017 vom Aufsichtsrat auf den Geschäftsführerposten wechselte, war der BER eine Lachnummer: Ein gigantischer Kabelsalat im Terminal, zu kurze Rolltreppen, unauffindbare Räume, Licht, das sich nicht ausschalten lässt, Rauch, der sich durch den Keller nicht aus dem Gebäude pressen lässt.

Es sind solche Fehlermeldungen, die aus dem BER eine neuzeitliche Variante des Rathauses von Schilda machten. Das hatten die Schildbürger schön gebaut, aber die Fenster vergessen.

In Schönefeld war die Flughafengesellschaft als Bauherr überfordert und ließ die Baustelle ins Chaos gleiten. Der BER wurde zum Zu-spät-zu-teuer-zu-klein-Flughafen. Nach der spektakulär geplatzten Eröffnung 2012 seien über Jahre notwendige Baumaßnahmen und Prüfzeiten massiv unterschätzt worden, sagt Lütke Daldrup.

Auch die Baufirmen haben sich nicht mit Ruhm bekleckert, aber gut verdient. Seit dem ersten Spatenstich haben sich die Kosten mehr als verdreifacht, voraussichtlich 6,5 Milliarden Euro werden es mit Schallschutz sein - größtenteils Geld des Steuerzahlers oder Kredite, die im schlimmsten Fall die öffentliche Hand tilgen muss.

Doch der Flughafen ist der Eröffnung näher denn je. Alle Genehmigungen sind erteilt, die Brandschutzanlage komplett umgebaut. Der Tüv hat sie getestet und bisher keine größeren Bedenken.

Jetzt laufen die Umzugsvorbereitungen für den Flughafenstart, der nach Tests mit 20 000 Freiwilligen im Oktober 2020 ans Netz gehen soll. Lütke Daldrup will sich für den Umzug vom Innenstadtflughafen Tegel zwei Wochen Zeit lassen, damit nichts schief geht.

„In einem Jahr wird etwas endlich fertig sein, worauf die Öffentlichkeit schon sehr lange gewartet hat“, so Lütke Daldrup, der über das konkrete Datum noch schweigt. Der Start wird anders laufen als in Peking: „Es wird keine große Party geben“, betont der Ingenieur. „Jedoch werden wir in angemessener Form jenen danken, die uns geholfen haben, fertig zu werden.“

Der BER wird nach Frankfurt und München drittgrößter deutscher Flughafen sein, doch welche Rolle soll er einnehmen? Drehkreuze wie Frankfurt und Amsterdam, wo eine Fluggesellschaft ihr Umsteigesystem aufbaut, verlören an Bedeutung, meint Lütke Daldrup. Immer mehr Passagiere buchten selbst ihre Umsteigeverbindungen.

„Flughäfen wie der BER mit bald 40 Millionen Passagieren werden die Kunden in Zukunft unterstützen, mit einer Airline nach Berlin, mit einer zweiten Airline zum Beispiel nach Nordamerika oder China zu fliegen.“ Viele hätten ihr Ticket im Smartphone, nur noch wenige gingen noch zum Check-in. „Nur ein Drittel unserer Kunden nutzen den Check-in, um ihr Gepäck aufzugeben“, sagt Lütke Daldrup. Der Rest fliege mit Handgepäck. In Berlin sind die größten Kunden Billigflieger wie Easyjet, Ryanair und Eurowings mit Punkt-zu-Punkt-Verkehren.

„Jeder vierte Reisende der nach Deutschland kommt, will in die Hauptstadt Berlin“, sagt Lütke Daldrup. „In Zukunft werden wir diese Verkehre besser nutzen, Umsteigeflüge zum Beispiel nach New York oder Shanghai anzubieten und uns zusätzlich um das Gepäck der Umsteigegäste kümmern.“

Sollte noch mal jemand in Deutschland vorhaben, einen Flughafen zu bauen, kann er von Lütke Daldrup Rat erhalten: Sorgfältig und vollständig planen, bevor man baut, lautet einer davon. Und: „Wenn man dann zu bauen anfängt, sollte man nichts mehr ändern“.

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