Oderbruch : Lohnt eine zweite Oderfähre?

Unweit dem Güstebieser Loose im Oderbruch ist die einzige Oderfähre in der Mark im Einsatz.
Unweit dem Güstebieser Loose im Oderbruch ist die einzige Oderfähre in der Mark im Einsatz.

Auf dem Brandenburger Oderabschnitt gibt es nur eine Fährverbindung. 2021 könnte bei Aurith eine zweite hinzukommen.

svz.de von
14. Mai 2019, 05:00 Uhr

Wenn das deutsche Aurith (Oder-Spree) und das polnische Urad alljährlich im August ihr gemeinsames Sommerfest feiern, sind Überfahrten über den Grenzfluss bei Gästen heiß begehrt.

Das Technische Hilfswerk, die Deutsche Lebensrettungsgesellschaft oder auch das polnische Wasser-Schifffahrtsamt sorgten in der Vergangenheit stets einen Tag lang für den Bootstransfer.

Geht es nach dem zuständigen Amt Brieskow-Finkenheerd, zu dem der 60-Seelen-Ort Aurith gehört, so soll spätestens 2021 dauerhaft eine Fähre Fußgänger und Radfahrer von einem Flussufer zum anderen bringen. Eine solche Verbindung hatte es bis 1945 gegeben, als der Hauptort Aurith noch auf der östlichen Oderseite lag. „Von der Wiederbelebung wird die gesamte Region zu beiden Seiten der Oder profitieren, weil wir für Touristen attraktiver werden“, ist sich Amtsdirektor Danny Busse sicher. So könne auch der zuletzt nicht mehr ganz so beliebte Oder-Neiße-Radweg wieder interessanter werden – wenn für Touristen ein Abstecher nach Polen möglich sei.

Die Idee einer Oderfähre gibt es seit mehr zehn Jahren. Damals war bekannt geworden, dass Brandenburgs Landesplaner im Sackgassen-Dörfchen Aurith eine neue Grenzbrücke bauen lassen wollten. Und zwar für den Schwerlasttransport nahe des Stahlstandortes Eisenhüttenstadt (Oder-Spree). Mit der Oderauen-Idylle wäre es allerdings vorbei, wenn 40-Tonner quer durch die malerische Ziltendorfer Niederung brausen. Bewohner und Amt wollten mit einer alternativen Fähre deshalb schnell Tatsachen schaffen und so die Brücke verhindern. Doch die Beantragung von Fördermitteln dauerte.

Die Grenzbrücke steht indes noch immer im Bundesverkehrswegeplan, inklusive Linienbestimmung und Umweltverträglichkeitsprüfung, bestätigt Steffen Streu, Sprecher des Brandenburger Infrastrukturministeriums. Weitere Entscheidungen seien aber bisher nicht getroffen worden. Darauf will sich das Amt Brieskow-Finkenheerd aber nicht verlassen und treibt das Fährprojekt voran. Mit der Landesinvestitionsbank soll schnellstmöglich ein Fördervertrag geschlossen werden. Die EU übernimmt laut Amtsdirektor aus dem sogenannten Interreg-Programm 85 Prozent der auf rund 300 000 Euro veranschlagten Kosten. Als nächstes sollen der Bau des Fähranlegers, dann das Fährboot selbst und zum Schluss der Betrieb der Fähre ausgeschrieben werden. „Ich halte das Ganze für rausgeschmissenes Geld. Die Fähre braucht niemand, ist unsinnig“, meint hingegen Reinhard Petzold, Geschäftsführer der Deutsch-Polnischen Wirtschaftsentwicklungs mbH, der selbst in Brieskow-Finkenheerd wohnt. Das Projekt würde sich nicht rechnen, weil es an dieser Stelle erstens gar nicht so viele Touristen auf dem Oder-Neiße-Radweg gebe und diese zweitens nicht nach Polen übersetzen wollten. „Auf der anderen Flussseite ist doch nichts. Urad bestehe nur aus ein paar Einzelgehöften. „Da gibt es ja nicht einmal eine vernünftige Straßenanbindung“, sagt er.

Ähnlich sieht das Silke Stien, Wirtin des Aurither „Bauernstübchens“ gleich hinter dem Oderdeich. Sie hätte die Fähre direkt vor der Nase. „Das wird nicht funktionieren. Die Fahrradtouristen bleiben auf dem Oder-Neiße-Radweg, wollen nicht nach Polen“, beschreibt sie ihre langjährigen Erfahrungen. Ohnehin wundere sie sich, woher die in einer vor Jahren beauftragten Machbarkeitsstudie erwähnten 200 Gäste täglich kommen sollten. „Die haben wir vielleicht an Wochenenden mit schönem Wetter, ansonsten aber nicht“, meint die Gastronomin. Sie ärgert vor allem, dass die Meinung der Aurither selbst im Amt niemanden interessiere.

Um die Fähre zu unterhalten und zu warten, brauche es stabile Einnahmen und die sehe er nicht, sagt Petzold. Der Politologe und Wirtschaftsberater hatte seine Gesellschaft kurz nach der Wende in Frankfurt (Oder) gegründet und vor allem in den 1990er Jahren zahlreiche binationale Projekte wie den Aufbau des deutsch-polnischen Katastrophenschutzes begleitet.

Die bisher einzige Fähre entlang des deutsch-polnischen Oderabschnittes, bei Güstebieser Loose im Oderbruch, rechnet sich laut Petzold nur, weil sie von der öffentlichen Hand – der polnischen Stadt Mieszkowice – getragen werde. „Aufgrund des sich häufenden Niedrigwassers kann die vielfach gar nicht fahren“, gibt er außerdem zu bedenken.

Amtsdirektor Busse lässt sich dennoch nicht beirren. Er habe bereits Interessenten, die die Fähre auf eigene Kosten betreiben und dafür in den kommenden zwei Jahren die vorgeschriebene Befähigung erwerben wollten, sagt er. Zudem sei das polnische Urad mit immerhin 400 Einwohnern weitaus größer als Aurith. „Nicht alles dort ist auf dem neuesten Stand, aber zu sagen, dort sei nichts, stimmt nicht.“ Und Radfahrer bräuchten nur „ein Stückchen Straße, das reicht“.

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