Gewalt in Familien nimmt zu : Letzte Zuflucht Frauenhaus

Eine Frau sitzt in einem Frauenhaus auf dem Bett.
Eine Frau sitzt in einem Frauenhaus auf dem Bett.

Häusliche Gewalt in Brandenburg nimmt zu / Hilfsorganisationen fordern mehr Unterstützung vom Land

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17. Februar 2018, 05:00 Uhr

 Laut Polizeistatistik werden in Brandenburg pro Tag im Schnitt zwölf Fälle häuslicher Gewalt erfasst. Tendenz steigend, auch durch den Zuzug von Flüchtlingen. Frauenhäuser fordern mehr Unterstützung vom Land - und drohen mit Klagen vor Gericht.

„Wir machen mehr, als leistbar ist.“ So beschreibt Catrin Seeger die Arbeit der landesweit 17 Frauenhäuser. Nur zwei Leute pro Einrichtung kümmern sich um Insassen und Abläufe im Haus, den Kontakt zur Polizei und anderen Behörden. „Wir haben eine 24-Stunden-Bereitschaft, ehrenamtlich.“ Diese Strukturen würden längst an Grenzen kommen. „Die Politik muss nachlegen“, fordert die Chefin des Frauenhauses Rathenow.

Da trifft es sich gut, dass ein Gespräch mit Experten im Finanzministerium stattfindet und Staatssekretärin Daniela Trochowski zuhört. Anlass für das Treffen ist die Finissage einer Ausstellung in ihrem Haus zum Thema häusliche Gewalt.. Unter dem Titel „rosaRot“ hat das Netzwerk Brandenburger Frauenhäuser prominente Schauspieler dafür gewonnen, für das Absetzen jener rosaroten Brille zu werben, mit der die Gesellschaft auf die Sache blicke. „Wir wollen an Nachbarn, Kollegen und Freunde möglicher Opfer appellieren: Schaut nicht weg, wenn euch etwas komisch vorkommt, sondern geht hin und fragt nach“, sagt Ausstellungsmacherin Katrin Buschmann. Leider falle es Opfern schwer, selbst den ersten Schritt raus aus dem Martyrium zu gehen.

Mit Blick auf die Sorgen der Frauenhäuser verweist Catrin Seeger darauf, dass immer mehr Flüchtlingsfrauen mit Kindern Schutz suchen würden. „Unter den 47 Kindern, die wir 2017 in Rathenow aufgenommen haben, waren nur acht deutsche“, sagt sie. „In unserem Haus werden sechs Sprachen gesprochen.“

Vor allem Geld für Dolmetscher, Kita- und Schulplätze sowie psychologische Hilfe für die Kleinen fehlen. „Die Kinder sind die Schwächsten, ihre Bedürfnisse kommen ganz am Ende“, beklagt Catrin Seeger.

Die Staatssekretärin zeigt Verständnis für die Sorgen, kann aber keine kurzfristige Hilfe versprechen. Das Land habe sich zur Aufgabe gemacht, die Barrierefreiheit der Frauenhäuser zu finanzieren, sagt Daniela Trochowski. Es sei nötig, dass sich der Bund an der Finanzierung beteilige.

Darauf wollen die Frauenrechtlerinnen nicht warten. Bärbel Heide Uhl vom Netzwerk der Frauenhäuser betont in der Diskussion, dass Deutschland jüngst die Istanbul-Konvention zum Gewaltschutz von Frauen unterschrieb. „Seit 1. Februar ist sehr kleinteilig geregelt, welche Rechte Gewaltopfer haben. Wenn es damit in Brandenburg Probleme gibt, werden wir uns über das Land bescheren“, sagt sie angesichts der Rathenower Forderungen. Kläger können sich auf die Konvention vor deutschen Gerichten berufen.

Aber was ist mit häuslicher Gewalt gegen Männer? Diese Frage wird in der Potsdamer Runde intensiv und kontrovers diskutiert. Andrea Weinrich von der Caritas erzählt, dass es sich nicht um Einzelfälle gehe und nicht bevorzugt kleine Männer betroffen seien, sondern auch „starke Kerle“. „Eine Spirale der Beleidigungen und Beschimpfungen führt dazu, dass Frauen zu Täterinnen werden, oft schlagen sie zuerst zu“, so Andrea Weinrich.

Ein Blick in die Polizeistatistik scheint die Beobachtung zu stützen. So war 2016 in fast jedem vierten Fall häuslicher Gewalt eine Frau verdächtig. In der Runde gibt es aber Widerstand gegen diese Sicht. So sei es eine häufige Ausrede gewalttätiger Männer, die Frau des Erstschlags zu bezichtigen.


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