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Umbettung : Letzte Ruhestätte für Gebeine

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Kriegstote auf Fürstenwalder Friedhof aus Gräbern geholt. Heute werden sie auf den Soldatenberg verlegt

svz.de von
erstellt am 27.Jul.2017 | 05:00 Uhr

Um das Andenken an Kriegstote dauerhaft zu gewährleisten und ihre Gräber zu erhalten, werden die Gebeine von 27 Toten aus Einzelgräbern des Neuen Friedhofs Fürstenwalde auf den Soldatenberg umgebettet. Nicht immer gestaltet sich das leicht.

Der Name Kurt Walsleben steht auf einer kleinen, schwarzen Tafel. Von 1901 bis 1944 hat der in Fürstenwalde geborene Mann gelebt. Mit 43 Jahren starb er. Todesursache unbekannt. Er gehört zu den 27 Kriegstoten, die jetzt umgebettet werden.

Joachim Kozlowski fotografiert das Grab. Zwei Rhododendrenbüsche, abgeblühte Funkien und Steinplatten säumen es. Der 45-jährige Frankfurter ist hauptamtlicher Umbetter des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge. 22 Gräber hat er schon ausgehoben. Die Gebeine der Toten lagern in 30 mal 70 Zentimeter kleinen Pappsärgen. Heute sollen sie auf dem Soldatenberg, der sich ebenfalls auf dem Friedhofsgelände befindet, ihre letzte Ruhestätte bekommen. „Zwei Gräber sind nicht verlegbar, weil ein Baum drauf steht“, hat Kozlowski festgestellt. An einer Stelle fand er im Erdreich nur Spuren des Grabes. Knochen lagen nicht mehr darin.

Nun kommt das Grab von Kurt Walsleben an die Reihe. Für Kozlowski ist es das dritte an diesem Tag. Vorsichtig bringt er den Bagger in Position. Dunkle Mischerde innerhalb des gewachsenen Bodens zeigt dem Fachmann, dass er die Stelle, an der der Sarg vor mehr als 70 Jahren abgesenkt wurde, getroffen hat. Rund 50 Zentimeter ist die Grube tief, als der Umbetter aus dem Bagger steigt und eine Sondierungsnadel in den Boden piekt. In weiteren 80 Zentimetern stößt sie auf Widerstand. Der Bagger kann sich weiter ins Erdreich fressen. Solange, bis sich Holzreste des Sarges abzeichnen. Überhaupt befanden sich bislang alle Toten, die Kozlowski auf dem Neuen Friedhof ausbettete, in Särgen. Geld, Gold oder andere Wertgegenstände lagen nicht bei ihnen. „In Schützengräben ist das anders. Da haben Soldaten ihr ganzes Hab und Gut bei sich“, sagt der 45-Jährige. Die Umbetter stellen die Sachen sicher und übergeben sie der Deutschen Dienststelle für die Benachrichtigung der nächsten Angehörigen von Gefallenen der ehemaligen deutschen Wehrmacht. Lediglich das Leitwerk einer Werfergranate steckte bei einem Toten.

Kozlowski holt einen Spaten. 1,30 Meter Tiefe hat die Grube an Kurt Walslebens Grab. Mit geübten Griffen holt der Umbetter Kniescheiben, Oberschenkelhals- und Beckenknochen aus der Erde. Letztere geben Gewissheit, dass es sich um die Gebeine eines Mannes handelt. „Der Winkel, den die Schambeinknochen bilden, ist bei Frauen größer“, erklärt er. Seit acht Jahren arbeitet Kozlowski als hauptamtlicher Umbetter.

Zuvor begleitete er seinen Vorgänger, Erwin Kowalke, ehrenamtlich und verdiente sein Geld beim Rettungsdienst. Mit Anatomie kennt er sich aus. „203 bis 214 Knochen hat ein ausgewachsenes Skelett“, erklärt der Fachmann, während er Fersenbeine und Mittelfußknochen in seinen Umbettungssarg legt. Langsam füllt sich die Wanne. Zum Schluss kommt der Schädel an die Reihe. „Es gibt keine Verletzungen an knöchernen Teilen“ stellt er fest, bevor er alle Knochen in einen schwarzen Pappsarg legt, den er beschriftet und zutackert.

Die Berichte seiner Arbeit bekommt die Stadtverwaltung. In deren Auftrag findet die Umbettung statt. „Wir wurden vom Landkreis und vom Innenministerium dazu ermutigt“, sagt Susanne Kleinschmidt, die für Kriegsgräber zuständig ist. Ziel der Aktion ist es, die Pflege der Gräber zu erleichtern, dafür zu sorgen, dass keines vergessen wird und so das Andenken an die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft dauerhaft zu bewahren.

Auf dem Soldatenberg liegen bereits mehr als 550 deutsche Soldaten. Weitere Gräber gibt es zum Beispiel auf dem Wald-Friedhof. Sowjetische Soldaten liegen auf dem Ottomar-Geschke-Platz und auf dem Garnisonsfriedhof im Stadtpark. Insgesamt sind 2 423 Kriegstote in der Stadt begraben, davon rund 655 Unbekannte.

Für die Grabpflege erhält die Stadt pro Jahr rund 26 000 Euro. „Von der Anlage her sind die Gräberfelder aber so, dass wir nie das ganze Geld brauchen“, sagt Susanne Kleinschmidt. Der Rest werde gesammelt, um größere Aktionen, wie die Umbettung, stemmen zu können. Rund 3500 Euro, zuzüglich der neuen Grabsteine, koste diese.

 

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