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Alt Tucheband : Letzte Ruhe für gefallene Soldaten

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Verein zur Bergung Gefallener in Osteuropa exhumiert sowjetisches Massengrab im Oderbruchdorf Alt Tucheband

Mitten auf dem Dorfanger von Alt Tucheband (Märkisch-Oderland) klafft ein gut 20 Quadratmeter großes Loch. In etwa einem Meter Tiefe liegen deutlich erkennbar mehrere Gebeine und Totenschädel. Sie gehören zu sowjetischen Soldaten, die vor mehr als 70 Jahren hastig verscharrt wurden. Sie sollen nun würdige Gräber erhalten. Männer in orangefarbenen Overalls sind mit Spaten, Spitzhaken und Spachteln dabei, die sterblichen Überreste weiter freizulegen. Die eifrigen, ehrenamtlichen Graber sind Mitglieder des Vereins zur Bergung Gefallener in Osteuropa (VBGO). Am vergangenen Wochenende werden 27 Gebeine behutsam aus dem Erdreich geholt.

Die Arbeiten am Massengrab werden von einigen Dorfbewohnern beobachtet, unter ihnen Horst Kupsch. „Jeder Mensch braucht eine ordentliche Ruhestätte, ob er mal Feind war oder nicht“, sagt der 81-Jährige anerkennend. Schon mehrfach arbeitete der Verein in den vergangenen zehn Jahren im Oderbruch, wo im Frühjahr 1945 rings um die Seelower Höhen die schwerste Schlacht des Zweiten Weltkrieges auf deutschem Boden tobte. Noch unzählige, bisher nicht entdeckte gefallene Soldaten der Roten Armee und der Deutschen Wehrmacht werden in der Region vermutet. Genaue Opferzahlen gibt es nicht.

Auf das Massengrab in Alt Tucheband war der VBGO durch Recherchen in russischen Archiven gestoßen. „Während der Kampfhandlungen haben Angehörige der Roten Armee ihre Toten an Ort und Stelle in solchen Grabstätten beerdigt“, erklärt der VBGO-Vorsitzende Albrecht Laue. Üblich sei es gewesen, dass die Gefallenen in mehreren Schichten übereinander gelegt wurden. Deswegen sei erst klar, wie viele Soldaten in Alt Tucheband bestattet wurden, wenn das komplette Grab exhumiert sei, informiert er weiter. Bereits im Sommer vergangenen Jahres hatte der VBGO das Massengrab geöffnet und 20 Gebeine geborgen. „Schon damals entdeckten wir, dass noch mehr Tote hier liegen. Deswegen wollen wir diese Arbeit jetzt beenden“, sagt Laue.

Für Militärhistoriker Gerd-Ulrich Herrmann ist die große Anzahl der Toten nicht verwunderlich. „Alt Tucheband lag genau in der Frontlinie. Erste erbitterte Kämpfe zwischen der 8. russischen Gardearmee und der SS-Panzerabteilung 502 gab es bereits am 22. März 1945. Damals gewannen die Deutschen den Ort aber wieder zurück“, erzählt er.

Mit Beginn der Großoffensive der Roten Armee, die als Schlacht um die Seelower Höhen und den entscheidenden Vormarsch nach Berlin in die Geschichtsbücher einging, war Alt Tucheband einer der ersten eroberten und dabei völlig zerstörten Orte. „Da blieb damals keine Zeit, die Toten mussten in Windeseile an Ort und Stelle begraben werden. Das waren sogenannte Feldbestattungen in Sammelgräbern“, sagt Herrmann, langjähriger Leiter der Gedenkstätte Seelower Höhen.

Die Bewohner von Alt Tucheband bekamen davon nichts mit. Sie waren bereits im Februar 1945 vor der heranrückenden Roten Armee in Richtung Berlin geflohen, erinnert sich Zeitzeuge Kupsch. Erst nach dem Krieg habe ein russischer Kommandeur angeordnet, die Toten zu bergen und zu einem zentralen sowjetischen Friedhof zu bringen.

„Ab 1947 wurden diese Grabstätten exhumiert, aber meist nur symbolisch“, erklärt Militärhistoriker Herrmann, „denn den Sowjets ging es nicht um das Gedenken des Einzelnen, sondern um die große Sache, die siegreiche Rote Armee“. Das bestätigt auch Kupsch. Mit Leiterwagen mussten Bauern aus der Gegend seinen Erinnerungen nach die Toten wegbringen, aufgrund des Verwesungsgrades sei das keine schöne Sache gewesen. „Irgendwann sagte der Kommandeur, es reicht und ließ das Grab wieder zuschütten“, erzählt der Zeitzeuge.

Und so blieben die toten Soldaten bis jetzt in Alt Tucheband. „Es gehört sich einfach, sie zu bergen. Kein Mensch wünscht sich, tot irgendwo herumzuliegen“, begründet VBGO-Geschäftsführer Stefan Nowack, warum sich der Spenden finanzierte Verein aus Hamburg 1992 gründete. Die etwa 200 Mitglieder, unter ihnen auch Schweizer, Russen und Polen, haben in 170 Einsätzen in Ostdeutschland und Osteuropa bisher rund 7300 Gebeine gefunden und dafür gesorgt, dass sie eine würdevolle Bestattung erhielten. Die sterblichen Überreste von Alt Tucheband werden dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge übergeben und anschließend auf einem der vielen Soldatenfriedhöfe im Oderbruch beigesetzt.

 

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