Tradition in Ziltendorf : Lenken mit dem Hintern

Fördert Koordination und Gleichgewichtssinn: die Ziltendorfer Einradgirls beim Training in ihrer Turnhalle
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Fördert Koordination und Gleichgewichtssinn: die Ziltendorfer Einradgirls beim Training in ihrer Turnhalle

Das akrobatisch anmutende Kunstrad-Fahren hat in Ziltendorf im Landreis Oder-Spree Tradition. Seit 55 Jahren gibt es die Einradgirls – ohne Nachwuchsprobleme.

svz.de von
16. Juni 2016, 05:00 Uhr

Zierliche Mädchen schwingen sich ohne Zögern auf Einräder ohne Lenker und Stütze, drehen damit Pirouetten, hopsen auf der Stelle oder formieren sich zu Pyramiden. Das Training in der Turnhalle der Grundschule Ziltendorf (Oder-Spree) erinnert ein bisschen an Zirkus. Die Einradgirls gibt es seit mehr als einem halben Jahrhundert in dem 1600-Einwohner-Ort in der Nähe der Oder.

Die Trainerin blieb immer die Gleiche – und ist unterdessen im besten Seniorenalter. „Es kommt aufs Gleichgewicht an. Und Du lenkst praktisch mit dem Hintern“, erklärt Aileen Lehmann. Die 18-Jährige hat bereits als Kitakind mit dem Einrad-Fahren begonnen und – wie sie sagt – über die Jahre eine Leidenschaft dafür entwickelt. Diese Sportart sei einfach etwas Besonderes gewesen, anders als Fußball oder Schwimmen, erinnert sie sich. Es dauere ein paar Wochen, bis ein Einrad-Neuling einfach nur geradeaus fahren könne, ergänzt Trainerin Margitte Neßler. „Du brauchst Geduld und viel Übung.“ Neßler sind ihre 75 Jahre nicht anzusehen. Das Einradfahren halte sie jung, auch wenn sie nicht mehr selbst in den bananenförmigen Sattel steige. Neßler weiß aber noch immer, wie es geht. Sie lässt ihre 19 Einradgirls beim Training nicht aus den Augen. „Halt Dich an der Sprossenwand fest“, ruft sie einem Mädchen zu, das versucht, auf ein Einrad zu steigen, bei dem der Sattel in 1,80 Metern Höhe befestigt ist.

Der ehemaligen Lehrerin ist es zu verdanken, dass die Kunst des Einradfahrens 1961 nach Ziltendorf kam, und die jungen Akrobaten seit dem zum örtlichen Sportverein Blau-Weiß gehören. Sie selbst hatte als Achtjährige angefangen, damals noch in ihrem Wohnort Fürstenwalde.

Als sie einst als junge Lehrerin in Ziltendorf anfing, begann sie, Kinder nach Schulschluss im Einradfahren zu unterrichten. Schon lange ist die Grundschule die einzige Bildungseinrichtung im Ort. Viele der Einradgirls bleiben der Sportart treu, auch wenn sie längst an weiterführenden Schulen in Frankfurt (Oder), Eisenhüttenstadt oder Neuzelle lernen. Wenn das Training ansteht, kehren alle aktiven Mitglieder in die Turnhalle der Ziltendorfer Grundschule zurück. „Der Sport schweißt zusammen. Da sind Freundschaften entstanden, die ich nicht missen möchte“, erzählt Aileen, die gerade ihr Abitur macht.

Auch die vielen Show-Auftritte seien reizvoll, sagt sie. „Die Ziltendorfer Einrad-Mädchen sind eine feste Institution in Ostbrandenburg. Es ist großartig, wie diese Tradition gehalten wird. Und sie sind mit ihren Auftritten außerhalb des Landes ein Exportschlager“, betont Brandenburgs Bildungsminister Günter Baaske (SPD).

Vor Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) sind sie bereits aufgetreten, ebenso vor Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Bei vielen Stadtfesten in der Region zeigen die Mädchen ihr Können, ebenso im Ausland. Zu Sportwettkämpfen treten die Ostbrandenburger Einradgirls allerdings nicht an, ihnen liegt mehr die Show. „Die Wettbewerbsanforderungen im Einradfahren sind sehr hoch. Um dort mitzuhalten, müssten wir härter trainieren“, sagt Neßler. Doch in Ziltendorf soll das akrobatische Fahren vor allem Spaß machen, betont sie.

Der Ort feiert in diesem Jahr sein 700-jähriges Bestehen. Beim großen Festumzug im September sind die Einradgirls selbstverständlich mit dabei. 19 Mädchen üben sich aktuell im Einradfahren, sie sind zwischen 8 und 18 Jahre alt. Jungs sind für diese Sportart zumindest in Ziltendorf nicht zu begeistern.

Neßler zur Seite steht Anne Schmidt, die als Sechsjährige mit dem Sport begann und heute als Horterzieherin arbeitet. „Jedes Mädchen hat eine eigene Jonglage-Nummer – mit großen Reifen, Keulen, einem Springseil“, erzählt die 26-Jährige. Die Einradgirls beherrschen ihren Angaben nach auch das Hockey-Spiel und das einbeinige Fahren oder Fahren ohne Sattel auf dem Kunstrad. „Wenn Du einmal den Dreh raus hast, verlernst Du das nicht mehr. Einradfahren schult Koordination und Gleichgewichtssinn“, sagt sie. 

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