Frische-Lieferdienste im ländlichen Raum kaum nutzbar : Lebensmittel online bestellen

Im Depot in Berlin werden bestellte Waren in Transporttaschen gepackt.
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Im Depot in Berlin werden bestellte Waren in Transporttaschen gepackt.

Im Vergleich der Verbraucherzentralen ist Berlin klar im Vorteil und Brandenburg größtenteils abgehängt

svz.de von
15. Februar 2018, 05:00 Uhr

Schnell, praktisch, stressfrei soll der Online-Einkauf von Lebensmitteln sein. Doch Verfügbarkeit und Alltagstauglichkeit von Online-Lieferdiensten hängen stark vom Wohnort ab. Verbraucher in ländlichen Gegenden haben das Nachsehen. Das ergab ein nichtrepräsentativer Marktcheck der Verbraucherzentralen Berlin und Brandenburg.

Diese wählten für den Test die Anbieter AllyouneedFresh, myTime und einen lokalen EDEKA-Händler (nur für Berlin möglich) aus. Elf Testhaushalte – fünf in Berlin, sechs in Brandenburg – bestellten je einen standardisierten Warenkorb aus haltbaren, frischen und tiefgekühlten Produkten. Zusätzlich wurde der zum Testzeitpunkt neue Anbieter AmazonFresh für je eine Adresse in Berlin und Potsdam getestet.

Während Berliner Verbrauchern fast alle Online-Lebensmittelhändler zur Verfügung stehen, haben Brandenburger nur eine geringe Auswahl. Die Online-Verfügbarkeit der großen Supermarktketten endet oft am Rand des Berliner Speckgürtels. „Wir konnten in der Fläche Brandenburgs daher nur überregional agierende Online-Supermärkte in unseren Test einbeziehen“, erklärt Annett Reinke von der Verbraucherzentrale Brandenburg. Lokal ansässige Einzelhändler bieten in der Mark vereinzelt einen Lebensmitteleinkauf über das Internet an, die für den Marktcheck ausgewählten Orte beispielsweise in den Landkreisen Prignitz und Elbe-Elster waren davon ausgeschlossen.

Anders als in Berlin und Potsdam konnte im ländlichen Raum nur die Zustellung per Paketservice gewählt werden. Das bedeutet zum Teil sehr große Mengen Verpackungsmüll und lange Lieferzeitfenster von zehn Stunden, in denen jemand zu Hause auf den Paketdienst warten muss. Da gefrorene, gekühlte und nicht gekühlte Produkte im Test in bis zu zwei Einzellieferungen verschickt wurden, mussten die Testverbraucher für die Annahme einer Lebensmittelbestellung sogar an mehreren Tagen zu Hause sein. „Für Berufstätige ist dieser Service praktisch nicht nutzbar“, so Reinke.

Qualität und Zustand der Lebensmittel wie Tomaten, Salat, Milch, Eier, frisches Schweinefleisch, frischer und tiefgekühlter Fisch, tiefgekühlte Erbsen und Himbeeren waren überwiegend gut – aber nicht ausnahmslos. So gab es Abstriche bei der Qualität von Obst und Gemüse, das im Paket lose zwischen anderen Lebensmitteln verpackt war. Der in einem Fall mit fünf Tagen Verspätung angelieferte „frische“ Fisch war nicht mehr zum Verzehr geeignet, sein Mindesthaltbarkeitsdatum bereits überschritten.

„Händler müssen geeignetere Verpackungen für empfindliche Lebensmittel finden und ihre Transportfirmen für die Beförderung von Lebensmitteln stärker sensibilisieren“, so Britta Schautz von der Verbraucherzentrale Berlin.

Vor allem der kleinere Einzelhändler der EDEKA-Gruppe ließ Sorgfalt und Professionalität vermissen. Die Lebensmittel wurden zwar fast verpackungsfrei in Mehrwegkisten transportiert, aber ohne geeignete Kühlvorrichtungen. So überschritten die tiefgekühlten Lebensmittel die zulässige Temperatur von -18 Grad Celsius deutlich, in einem Fall lagen sie sogar 2 Grad über dem Gefrierpunkt. Die Sicherheit der Lebensmittel ist so nicht gewährleistet.

Die Verbraucherzentralen prüften auch Vertragsgestaltung und Widerrufsbelehrung. Überregionale Anbieter informieren zwar über das Nichtbestehen eines Widerrufsrechtes für rasch verderbliche Ware, die Informationen sind aber für Verbraucher wenig hilfreich. Es sollte mit Beispielen verdeutlicht werden, welche Produkte vom Widerruf ausgeschlossen sind.

Beim EDEKA-Händler wird der Vertrag erst an der Tür geschlossen. Eine Service-Pauschale muss der Verbraucher auch zahlen, wenn er sich an der Haustür gegen den Kauf entscheidet. Das ist beim Bestellprozess für den Verbraucher aber nicht zu erkennen. Deshalb mahnte die Verbraucherzentrale Berlin EDEKA Christ mit Erfolg ab: Der Anbieter wird nun die Kostenpflicht kennzeichnen.

„Die Anbieter verstehen es nicht, sich neue Kunden im ländlichen Raum zu erschließen, obwohl gerade hier viel Potential liegt. Lebensmittel online zu bestellen, ist daher für Menschen außerhalb der Großstadt noch keine alltagstaugliche Alternative“, so die Verbraucherschützer. Wer in guten Liefergebieten wohnt, kann aber durchaus profitieren. „Insgesamt bieten die getesteten Lebensmittelhändler einen guten Service, hochwertige Produkte und halten sich an die gesetzlichen Spielregeln“, bilanzieren sie. Verbesserungsbedarf gibt es aus Sicht der Verbraucherzentralen für kleine Händler, bei Qualität und Logistik.

Verbraucher sollten vor der Online-Bestellung von Lebensmitteln verschiedene Anbieter vergleichen und den passenden Service wählen. Entscheidende Kriterien können Lieferzeitfenster, Art der Zustellung und Verpackung, Lieferkosten und Zusatzgebühren sein.


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