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Baum in Britz auf Twitter : Kurznachricht vom Saftfluss

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Besuch bei Deutschlands einzigem twitternden Baum auf der Versuchsfläche in Britz.

svz.de von
erstellt am 19.Jan.2017 | 04:45 Uhr

TreeWatch steht auf dem Kasten am Stamm der 17 Meter hohen Kiefer. Mehrmals täglich füttert sie den Internetnachrichtendienst Twitter mit Meldungen über Wachstum und Wasserfluss unter der Borke. Momentan ist Sendepause.

„Mit dem nahenden Winter hört mein Saft auf zu fließen und es ist Zeit zu sagen, bis zum nächsten Jahr“ – das ist das Letzte, was die Kiefer mit dem verkabelten Stamm gezwitschert hat. Bis zum November hatte der Baum zwei Nachrichten täglich abgesondert.

„Heute bin ich um 0,0001 mm geschrumpft und habe 1,7 Liter Wasser bei einer Maximalgeschwindigkeit von 0,1 Liter pro Stunde transportiert“, heißt es am 9. November. Im Sommer waren die Werte deutlich höher.

Im April 2016 machte die Idee, einen Baum in Deutschland per Twitter über die Vorgänge unter der Rinde berichteten zu lassen, erstmals Schlagzeilen. Eine Birke am Ringhotel Schorfheide sendete zunächst ihre Nachrichten in die Welt. Sie ist mittlerweile vom Netz gegangen. Die Messtechnik am Stamm ist umgezogen zur Kiefer auf der Versuchsfläche des Eberswalder Thünen-Instituts in Britz. „Das Equipment ist nicht neu“, sagt Jürgen Müller, Meteorologe an der Forschungseinrichtung.

Die Idee, Messdaten auf diesem Wege zu veröffentlichen, schon. Dass die Belgier sie zuerst hatten, ärgert ihn ein wenig. Dort gab es die ersten Twitterbäume und dorthin werden auch die Messdaten der Kiefer in Britz gesendet – zu den Erfindern des Systems an der Universität Gent. Ein Algorithmus übersetzt sie in die allgemeinverständlichen Kurznachrichten mit maximal 140 Zeichen in englischer Sprache. 1075 Menschen verfolgen die Neuigkeiten, die der Nadelbaum verbreitet, mittlerweile.

Auf der Versuchsfläche im Barnim ist die 45 Jahre alte und 17 Meter hohe Kiefer in bester Gesellschaft. Neben weiteren Kiefern werden dort Daten von Buchen, Douglasien und Lärchen erhoben. Sie alle stecken zu mehreren in sogenannten Lysimetern oder „großen Blumentöpfen“, wie Jürgen Müller sagt. Auf einem Viertelhektar sind die Versuchsbäume einer Art auf diese Weise vom Umfeld abgegrenzt.

Obwohl nur die eine Kiefer twittert, geht es auch bei den anderen um Fragen des Wasserhaushaltes und wie sich Trockenstress auswirkt. Denn für die Holzwirtschaft ist es wichtig, bei welchen Bedingungen ein Baum wie wächst. Der Durchmesser der Kiefer lege im Jahr etwa fünf Millimeter zu und nimmt, wenn es warm ist, täglich zehn Liter Wasser auf. Doch wie verändert sich das, wenn der Boden im Zuge klimatischer Prozesse nicht mehr so viel hergibt?

Über die twitternder Kiefer kann sich jeder unkompliziert informieren. „Der Wald hat keine Lobby“, sagt Jürgen Müller. Auf diese Weise bekommt auch er ein öffentlichkeitswirksames Sprachrohr. 10 000 Euro hat sich der Bund die Technik kosten lassen. Mit der Zeit werde diese auch günstiger. Schließlich haben die Forscher ein ganzes Netzwerk aus twitternden Bäumen im Auge.

Bis die Kiefer in Britz wieder loszwitschert, dauert es noch. Zur Zeit führt sie kein Wasser. Da gibt es nichts zu berichten.

„Wasser würde bei diesen Temperaturen gefrieren. Die Zellen sind deshalb entleert“, erklärt Müllers Kollegin, die Geografin Tanja Sanders. Sie hatte in der Ideengruppe zum Twitterbaum in Deutschland mitgearbeitet. Im Frühjahr, meint sie, seien die nächsten Kurznachrichten zu erwarten.

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