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Brandenburg

23. November 2017 | 12:28 Uhr

Interview : Kritik an Bierbotschafter

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Suchtberaterin kritisiert Axel Schulz’ Werbung für Alkohol – und den Umgang der Staatskanzlei mit dem Thema.

svz.de von
erstellt am 04.Jul.2017 | 05:00 Uhr

Seit einigen Wochen hat Brandenburg mit dem Ex-Boxer Axel Schulz erstmals einen offiziellen Bierbotschafter. Sein Auftreten hat nun im Landtag zu Diskussionen geführt. Andrea Hardeling, Chefin der Landesstelle für Suchtfragen, erklärt Mathias Hausding ihre Sicht der Dinge.

Frau Hardeling, Brandenburg hat jetzt einen Bierbotschafter, der Werbung für hiesige Brauer machen soll. Eine gute Idee?

Andrea Hardeling: Ich sehe das sehr kritisch. Studien haben bewiesen, dass Werbung für Alkohol insbesondere bei Jugendlichen dazu führt, dass sie mehr davon trinken und auch früher damit beginnen.

Befürworter der Aktion sagen, die Menge mache das Gift und eine Unterstützung des märkischen Brau-Handwerks sei richtig und wichtig.

Werbung für Substanzen, die Krankheiten verursachen und dem Jugendschutz unterliegen, ist problematisch. Alkohol-Reklame ist in vielen europäischen Ländern bereits verboten. In Deutschland hat die Alkoholindustrie eine große Lobby, weil der Umsatz in der Branche mit zwölf Milliarden Euro im Jahr sehr hoch ist.

Fällt ein Bierbotschafter wirklich in den Bereich der klassischen Reklame?

Es ist eine deutliche Werbung für Alkohol im Alltag, die gerade Kindern und Jugendlichen vermittelt, dass es total normal sei, Alkohol zu trinken. Man muss wissen, dass die Industrie laufend neue Marketingstrategien entwickelt, um das Thema Alkohol positiv zu besetzen. Das geht über die klassische Reklame weit hinaus. Auch Sponsoring soll ein gutes Image erzeugen – oder eben ein Bierbotschafter.

Unser Bierbotschafter ist Axel Schulz, der bei seiner Vorstellung in der Staatskanzlei sein Engagement damit begründete, dass Biertrinken sein Hobby sei. Manche fanden das witzig. Ich nicht. Ein Hobby steht für etwas positives, eine Freizeitgestaltung wie Sport oder eine kreative Beschäftigung. Die Verbindung Hobby – Biertrinken ist eine Marketingstrategie der Alkoholindustrie.

Auf dem Termin in der Staatskanzlei entstand auch ein von Medien verbreitetes Foto, auf dem Brandenburgs Agrarminister Jörg Vogelsänger neben einem Kind mit dem Gürtel „Bierbotschafter“ posiert. Auch das vermittelt nach außen das Bild: Alkohol ist total normal. Dazu stehen wir. Natürlich sollen sich Handwerksbetriebe präsentieren können – aber nicht in Zusammenhang mit Alkohol.

Brandenburgs Staatskanzleichef Thomas Kralinski rechtfertigte Schulz’ Engagement und den Spruch mit dem Hobby damit, dass die Gefahren übermäßigen Alkoholkonsums lediglich theoretischer Natur seien. Liegt er damit richtig?

Gerade fand die bundesweite Aktionswoche gegen Alkohol statt. Da wurde noch einmal benannt, dass in Deutschland jährlich 74 000 Menschen an den Folgen alkoholbedingter Krankheiten sterben. Das sind eindeutige Zahlen. Trotzdem: Man könnte sagen, diese Menschen haben es mit dem Alkohol einfach übertrieben. Mir passiert das nicht. Also: Prost!

Alkohol soll ja nicht verboten werden. Jedem steht frei, ob er trinkt und wie viel. Die Frage ist, welche Botschaften werden gesellschaftlich vermittelt. Vom Tabak weiß man, dass der Konsum durch Nichtraucherschutzgesetz und Werbeeinschränkungen deutlich zurückgegangen ist. Und das merkt man inzwischen auch am Rückgang der Zahl der Todesfälle aufgrund von Nikotin. Die Gesellschaft hat also eine Verantwortung – zumindest in Bezug auf Werbung. Ein Bierbotschafter vermittelt: Das ist cool. Und das ist in meinen Augen falsch.

 

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