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Probleme mit der Elektromobilität : Kompliziert und teuer

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Nach einer Studie herrscht Wildwuchs bei den Stromtankstellen. Der Verband kritisiert undurchsichtige Tarife

Eine Fahrt mit dem Elektroauto quer durch Deutschland mutet derzeit abenteuerlich an. Zwar wird das Netz der Ladestationen immer dichter – das gilt jedoch nicht für alle Regionen in Deutschland. Laut einer Studie ist das Auftanken auch zu kompliziert und zu teuer.

Vor dem Urlaub startet Hans Kurzweg erst einmal eine aufwändige Telefonrecherche. Zwar werden ihm in verschiedenen Internetportalen die Ladepunkte angezeigt – ob er dort jedoch zu jeder Tageszeit den Strom für sein Elektroauto zapfen kann, klärt er lieber persönlich ab. „Sonst kann man sich völlig verkalkulieren“, sagt der Versicherungsmakler aus Trebbin (Teltow-Fläming).

Zusammen mit anderen Enthusiasten hat Kurzweg eine Interessengemeinschaft für Elektromobilität gegründet, ein lockerer Zusammenschluss von Nutzern der Öko-Fahrzeuge. Eine Motivation dafür war, ein privates Netz von Ladestationen aufzubauen. Denn diese sind außerhalb der Metropolen und Vorreiterländern wie Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Bayern noch rar gesät – trotz millionenschwerer Förderprogramme.

„Wir haben in diesem Punkt eine absolute Kleinstaaterei“, klagt Kurzweg, der zwei Elektroautos besitzt. „Es gibt zwar viele Anbieter, aber es ist schwer, die einzelnen Tarife zu überblicken. Und manche denken, sie können mit dem Stromverkauf noch richtig Geld verdienen.“ Daher hilft man sich in der Szene gegenseitig. „Wer ein Elektroauto fährt, sollte kommunikativ sein.“

Wie kompliziert es ist, einen Stromer im öffentlich zugänglichen Netz aufzutanken, zeigt eine am Dienstag veröffentlichte Erhebung des Hamburger Energieunternehmens Lichtblick. Auffällig sind demnach insbesondere die drastischen Preisunterschiede. Laut der Stichprobe kostet eine Kilowattstunde bei der RWE-Tochter Innogy, die Ladestationen im Rhein-Ruhr-Gebiet betreibt, exakt 66,9 Cent, was doppelt so teuer wie der durchschnittliche Tarif für Haushaltsstrom ist.

Auch die EnBW bittet zur Kasse: Bei diesem Betreiber wird eine Registrierungsgebühr von 20 Euro fällig, eine Kilowattstunde schlägt mit 32,4 Cent zu Buche. Kostenlos ist das Tanken dagegen bei vielen Stadtwerken. Hinzu kommt: Bei acht der elf untersuchten Anbieter war ein spontanes Aufladen gar nicht möglich.

Gero Lücking, Geschäftsführer für Energiewirtschaft bei Lichtblick, spricht von einem „Chaos an den Ladesäulen“. Mit dem derzeitigen System sei die Verkehrswende zum Scheitern verurteilt. Daher plädiert er dafür, die Infrastruktur an das öffentliche Stromnetz anzudocken, um einen echten Wettbewerb zu ermöglichen. „Jeder Stromanbieter sollte seinen Tarif an jeder Ladesäule anbieten können. Nur so kann eine regionale Monopolstellung verhindert werden.“

Laut einer Erhebung des Bundesverbandes der Deutschen Energie- und Wasserwirtschaft waren in Deutschland zum Jahresende 2016 rund 7400 öffentliche Ladepunkte registriert, die meisten davon in Nordrhein-Westfalen (1603), Baden-Württemberg (1494) und Bayern (1008). Doch der Ausbau geht rasant weiter. Thomic Ruschmeier, Präsident des Bundesverbandes Solare Mobilität, schätzt deren Zahl mittlerweile auf knapp 10 000. Einen Wildwuchs kann er nicht erkennen, da in der Ladesäulenverordnung des Bundes viele technische Voraussetzungen normiert worden seien. Dazu zähle die Barrierefreiheit. 300 Millionen Euro stellt das Bundesverkehrsministerium für das Ausbauprogramm zur Verfügung.

Zum Großanbieter dank dieser Fördermittel entwickelt sich der Raststättenbetreiber Tank & Rast, der in Kooperation mit EnBW ein Netz von 400 Schnellladesäulen an Autobahnen aufbaut. Dort können Elektroautos in 20 bis 30 Minuten aufgeladen werden. An 130 Raststätten kann man laut EnBW bereits Strom tanken – der Schwerpunkt liegt in den genannten Bundesländern. „Dort fahren die meisten E-Autos“, sagt eine Sprecherin.

Andere Interessenverbände kritisieren freilich ein Versäumnis der Politik, die Branche zu einem gemeinsamen Kurs zu bewegen. „Jeder verfolgt sein eigenes Konzept“, sagt Kurt Sigl, Chef des Bundesverbandes Elektromobilität. Die vom Bund ins Leben gerufene nationale Plattform Elektromobilität sei ein „Komplettausfall“. Sigl bemängelt ebenso die undurchsichtige Tarifstruktur. „An jeder Tankstelle kann man den aktuellen Benzinpreis an großen Tafeln ablesen, an Stromtankstellen muss man dagegen rätseln.

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erstellt am 17.Jul.2017 | 21:00 Uhr

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