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Großeinsatz auf der A24 : Kleine Ursache, riesige Wirkung

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Die Folgen des Salpetersäure-Vorfalls von Walsleben sind bislang kaum absehbar.

svz.de von
erstellt am 15.Aug.2017 | 21:00 Uhr

Sonne satt auf dem Zenit der Sommerferien. Doch die Autobahn bei Walsleben ist leer. Voll ist hingegen die Raststätte Walsleben/Ost. Allerdings nicht mit Touristen, die während der Reisezeit zu Tausenden hier einkehren. Stattdessen dominieren auch gestern Feuerwehren das Bild. „Das ist eine heftige Nummer – ohne Frage“, sagt Temnitz-Amtsdirektorin Susanne Dorn. Schon seit Montag, 22.30 Uhr, ist sie vor Ort und immer noch fit. Das mag am Kaffee liegen, der literweise über den Tresen geht. Koffein ist der Treibstoff beim größten Einsatz, den Ostprignitz-Ruppins Feuerwehren je erlebt haben.

Der Tanklaster, der 12 Tonnen der gefährlichen Säure geladen hatte, steht auf dem Rasthof Walsleben (Kreis Ostprignitz-Ruppin). „Der Fahrer hatte am Montagabend um 19 Uhr an der Zufahrt zur Raststätte Walsleben gehalten, um essen zu gehen. Zu diesem Zeitpunkt soll noch keine Flüssigkeit ausgetreten sein. Als er um 21 Uhr zurück kam, wurde das Leck am Ventil entdeckt“, sagte die Sprecherin. Die Raststätten auf beiden Seiten der Autobahn sowie zwei Wohnhäuser des Ortes Walsleben wurden geräumt.

Die Ursache wirkt geringfügig. Wäre er nicht von Einsatzkräften in Spezialanzügen umringt, würde der Gefahrguttransporter auf der Einfahrt zur Raststätte kaum auffallen. Der zuletzt im sachsen-anhaltischen Wittenberg mit 53-prozentiger Salpetersäure beladene Transporter hatte ein Leck. Aus noch ungeklärter Ursache war der Verschluss von einem der zwei Tanks undicht.

Annähernd 200 Feuerwehrleute aus ganz Brandenburg sowie Katastrophenschutz-Mitarbeiter des Landkreises waren während der Nacht im Einsatz, um die von der Havarie ausgehende Gefahr zu bannen – darunter auch sieben aus Wittenberge und drei aus Sadenbeck. Um 1.40 Uhr mussten die elbestädtischen Kameraden am Dienstag aus ihren Betten. Mit dem ABC-Erkundungswagen und dem Gerätewagen Gefahrgut ging es zum gut 100 Kilometer entfernten Einsatzort, informierten gestern Wittenberges Stadtbrandmeister Lars Wirwich und der stellvertretende Kreisbrandmeister Volker Lehmann. Der ABC-Wagen sei direkt in Walsleben zu Messfahrten eingesetzt. Kameraden aus Wittenberge seien außerdem mit ihren Chemikalienschutzanzügen zum Einsatz gekommen. Hilfe erhält der Kreis Ostprignitz-Ruppin auch von der Freiwilligen Feuerwehr Sadenbeck, die ebenfalls mit ihrem ABC-Erkundungswagen vor Ort ist.

Ein schwieriges Unterfangen. Denn ein einfacher Holzpfropfen könnte das Leck nicht stopfen. Er würde von der Säure zersetzt, wie Matthias Krüger von der Einsatzleitung schildert. Bis in den Vormittag hinein sind die Rettungskräfte damit beschäftigt, die austretende Säure so gut wie möglich aufzufangen, bis sie endlich in einen zweiten Spezialtransporter umgeleitet werden kann.

Die Gefahr für Einsatzkräfte, Anwohner und hier gestrandete Lkw-Fahrer ist kaum sichtbar. Denn die austretende Säure bildet eine giftige Wolke, die vom Wind Richtung Walsleben getrieben wird. Deshalb sind in der Nacht 25 Menschen und ein Hund aus zwei Wohnblöcken am Kiefernweg in Sicherheit gebracht worden. Im Ort ertönen Lautsprecher-Durchsagen, die dazu auffordern, in den eigenen vier Wänden zu bleiben und die Fenster geschlossen zu halten. Auch auf Twitter fordert die Polizei dazu auf.

Um die Situation seriös einschätzen zu können, wird alle verfügbare Technik aufgefahren. Neben zwei ABC-Erkundungswagen aus Sadenbeck und Wittenberge ist auch ein Hubschrauber im Einsatz. Er soll beobachten, wohin die Salpetersäure-Wolke weht und per Infrarot-Kamera erkunden, wie voll der leckgeschlagene Tank ist. Später kommt auch eine Drohne zum Zug.

Immer wieder geht der Blick der Einsatzleitung zu den Fahnen, die am Rand der Raststätte stehen. Denn der Wind dreht sich ständig. Mit ihm ändert sich auch die Gefahrenlage für die Einsatzkräfte. Kurz vor 14 Uhr kann endlich ein wichtiger Teilerfolg vermeldet werden. Der undichte Tank ist leergepumpt. Ganz leer ist das über zwei Tanks verfügende Fahrzeug kurz nach 16 Uhr.

Zur gleichen Zeit berichtet Polizeisprecherin Dörte Röhrs von 27 Feuerwehrleuten, die ärztliche Versorgung benötigten. Nach den Strapazen und der Hitze hatten 25 von ihnen Kreislauf.probleme. Bei zwei weiteren besteht der Verdacht auf Verätzung der Atemwege, weshalb sie ins Krankenhaus gebracht wurden.

Als sich die Lage am Nachmittag entspannt, bleibt noch immer viel zu tun. Mit Natriumkarbonat sind zig Kubikmeter Lauge angerührt worden, um das Unglücksfahrzeug und die nähere Umgebung – wie es in der Fachsprache heißt – zu neutralisieren.

Noch vor Ort nimmt die Kriminalpolizei den Transporter ein erstes Mal unter die Lupe, um ihn für weitere Untersuchungen abzutransportieren. Erst in den Abendstunden sollte sich entscheiden, ob und wann die Autobahn wieder freigegeben werden kann. Das hängt davon ab, wie viel Salpetersäure ins Erdreich und auf die Fahrbahn gelangt ist. Schlimmstenfalls muss sie erneuert werden.

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