Garnisonkirche : Kirchturm soll wieder würdig wirken

Stein auf Stein entsteht derzeit der Kirchturm neu, der später ein Sandsteinverkleidung erhält.
Stein auf Stein entsteht derzeit der Kirchturm neu, der später ein Sandsteinverkleidung erhält.

Potsdamer Garnisonkirche soll künftig eine möglichst breite Nutzung im Innern und im Äußeren die Anlehnung ans historische Erscheinungsbild auszeichnen

von
03. Dezember 2019, 05:00 Uhr

Autos und Motorräder rauschen den grauen Asphalt entlang, eine Überdachung schützt Passanten auf ihrem Weg vorbei an der Baustelle in der Potsdamer Breite Straße. Ein Blick von gegenüber verweist auf ein besonderes Bauprojekt – in zwölf Metern Höhe zappelt ein gelb-gezackter Adventsstern und markiert am Baugerüst die derzeitige Spitze der unfertigen Garnisonkirche. Noch versteckt sich das Bauwerk aus Backstein hinter Planen.

Der Weihnachtsstern erstrahlt pünktlich zum ersten Advent. Bauleiter Andreas Gillmeier freut sich über den Farbkleks zwischen grauem Mörtel und roten Ziegelsteinmauern. Seit Dezember 2018 entsteht der Nachbau des barocken Kirchturms. Am historischen Standort des 1968 gesprengten Gotteshauses wächst das Gebäude langsam aber stetig. Die Mauerarbeiten begannen Anfang 2019. Jetzt wird auf Augenhöhe mit den obersten Stockwerken des benachbarten Rechenzentrums gewerkelt.

Für diese Arbeiten bedarf es laut Gillmeier „richtiger Profis. Das Mauerwerk ist heutzutage recht anspruchsvoll“, sagt der 56-Jährige. Er beschäftigt Kosovo-Albaner aus Berlin, die am östlichen Seitenflügel des Kirchturms arbeiten. Auf der Westseite sind Kollegen zugange, die schon die Dresdner Frauenkirche rekonstruiert haben, erzählt Gillmeier.

Er blickt auf 40 Jahre Bauerfahrung und internationale Bauprojekte zurück: „Im Gegensatz zu industriell gefertigten Kalk-Sandstein-Blöcken strahlen die roten Backsteine richtig Wärme aus.“ Drei Meter dicke Wände seien neben Liebhaberstücken und anderen historischen Nachbildungen eine absolute Ausnahme. Statt Gussbeton haben sich die Planer für einen kompletten Ziegelbau entschieden, der später mit Sandstein verkleidet wird.

Während sich die Arbeiter hoch über den Potsdamer Dächern am Rohbau des früheren Wahrzeichens der Stadt zu schaffen machen, zeigt die Nagelkreuzkapelle hinter der Baustelle eine Ausstellung zur Historie der Garnisonkirche und Pläne zum Wiederaufbau.

Im Januar 2020 sei mit Höhe der Seitenschiffe die Decke der zweiten Turmebene über der Kapelle erreicht, hofft Gillmeier. In ihrem Rohbau soll Anfang März eine temporäre Ausstellung mit jungen Potsdamer Künstlern erfolgen. Zuvor wird weiter am Bogen der Kapelle gearbeitet. Er überspannt die zentrale Öffnung zum Südportal. Den Arbeitern bleibt kaum Zeit für die tolle Aussicht. Sie legen ein diagonales Muster aus Ziegeln, der Kran liefert im Minutentakt frischen Mörtel.

Stein für Stein soll der Kirchturm mit 90 Metern Höhe seine ursprüngliche Würde im Stadtbild zurückerhalten. Es war eine Herausforderung, moderne Installationen zu integrieren und gleichzeitig so authentisch wie möglich zu bauen, berichtet Peter Leinemann vom Vorstand der Stiftung Garnisonkirche. Dort wo die Besucher später Tickets für Turmaufstieg und Ausstellung erwerben oder Andenken kaufen, steht er noch allein auf weiter Flur. Beim Betreten des Gebäudes wird eine mahnende Inschrift am Sandsteinsockel Neugierige empfangen – lesbar auf Deutsch, Französisch, Englisch, Polnisch und Russisch: „Richte unsere Füße auf den Weg des Friedens“. Sie soll den Missbrauch der Garnisonkirche für die Propaganda der Nationalsozialisten versöhnen.

Mit dem Fahrstuhl geht es künftig den Turm hinauf. Wer zu Fuß geht, kann in jeder zweiten Schicht der Treppenhauswände beschriftete Steine bewundern. Mit bis zu 12 000 Steinen können sich Förderer namentlich verewigen. 5000 Stück sind schon reserviert, sagt Leinemann. Auch am fertigen Turm werden später noch Lücken für wohlwollende Förderer sein. Ein sichtbarer Ziegel kostet 100 Euro, Treppenstufen sind unten für 2500 und oben für 5000 Euro zu haben. Von 365 Stufen sei schon die Hälfte verkauft, erzählt Leinemann.

Der Turm soll 40 Millionen kosten, inklusive aller Nutzungsmöglichkeiten, Ausstattung, Turmhaube, Schmuckelemente und Glockenspiel. 4000 Spender haben den Bau bisher unterstützt. Darunter viele Potsdamer, die den Wiederaufbau vorantreiben wollen. „Jeder Euro zählt“, betont Leinemann. Ursprünglich sollte alles durch Spenden finanziert werden. Das hat nicht geklappt. Nun hat der Bund seine Unterstützung von 12 auf 20,5 Millionen Euro aufgestockt. „Wir brauchen noch drei bis vier Millionen“, sagt Leinemann.

Auf 1200 Quadratmetern Nutzfläche ist eine Ausstellungsetage mit 300 Quadratmeter geplant, dazu kommen Kapelle, Aussichtsplattform, Café und Shopbereich. „Unsere Prämisse war eine möglichst breite Nutzung im Innern und im Äußeren die Anlehnung ans historische Erscheinungsbild“, so Leinemann. Im modernen Inneren soll genug Raum für Seminare und Workshops sein, die sich kritisch mit deutscher Geschichte auseinandersetzen: „Wir wollen nicht nur zeigen, was hier früher einmal war, sondern auch Themen entwickeln, die jüngere Menschen anziehen.“

Das Projekt hat aber noch keine ausreichende Akzeptanz in der Bevölkerung. Bürgerinitiativen monieren die Verwendung von Steuergeldern für den Kirchenbau. Laut Stiftungskonzept soll das Gebäude für alle Potsdamer und Touristen zugänglich sein. Somit dürfe es auch von der Öffentlichkeit mitfinanziert werden, argumentiert Leinemann. „Wir werden aber Eintritt nehmen müssen, um die Unterhaltung des Gebäudes zu finanzieren.“ Leinemann mutmaßt: „Juli 2022 sollte alles begehbar, warm, ausgeleuchtet und trocken sein.“

Das Vorankommen der Bauarbeiten sei wetterabhängig, sagt Bauleiter Gillmeier. Drei Wochen Stillstand gab es im Januar 2019 wegen Frost und Schnee ertragen. Im Winter wird es nicht anders sein. Die Geburt eines 90-Meter-Kirchturms lässt sich nicht bis ins Detail vorhersagen.


zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen