Kirchenland ein „soziales Gut“

Tagung widmete sich der Vergabepraxis für kirchliche Ländereien in Brandenburg

svz.de von
02. September 2015, 14:26 Uhr

Mal sind es fünf Hektar, mal sind es zehn, mal sogar hundert: In vielen Brandenburger Dörfern ist die evangelische Kirchengemeinde neben der Agrargenossenschaft und einem oder zwei Wiedereinrichtern der einzige Landbesitzer. Wenn sich ein junger Bauer selbstständig machen will, ist das Kirchenland oft seine einzige Chance. „Die Kirche ist ein flächenmäßig bedeutender und in der Regel angenehmer Verpächter“, sagt Reinhard Jung aus Lennewitz, der Geschäftsführer des Brandenburger Bauernbundes.

Aber nach welchen Regeln wird das Land der Kirche verpachtet? Diese Frage sorgt derzeit bundesweit für Streit. In Sachsen-Anhalt etwa gab es zuletzt mehrere Fälle, bei denen große Agrarkonzerne ein lukratives Angebot machten und den Zuschlag erhielten, während ortsansässige, seit vielen Jahren in der Kirchengemeinde engagierte Bauern leer ausgingen.

Droht Ähnliches in Brandenburg? „Der Landbesitz der Kirche enthält die Verantwortung, damit sozial und gerecht zu handeln“, sagt Landesbischof Markus Dröge. Denn das Land sei immer auch ein „soziales Gut“. Der Theologe sprach gestern auf einer von knapp 100 Gemeindekirchenratsmitgliedern, Landwirten und Interessierten besuchten Tagung, die die Evangelische Akademie zu Berlin und das Hilfswerk „Brot für die Welt“ zum kirchlichen Landbesitz veranstalteten.

„Über die Verpachtung des Kirchenlandes entscheidet der Gemeindekirchenrat“, sagt Hartmut Fritz, der in der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz für dieses Thema zuständig ist. Denn alles Kirchenland ist im Eigentum einer Gemeinde – was bedeutet, dass die zentrale Kirchenverwaltung in Berlin keine genauen Zahlen darüber hat, wie viel Land die evangelische Kirche in Brandenburg besitzt. Für die Vergabe würden fünf Kriterien gelten, darunter auch „die regionale Herkunft des Pachtinteressenten“, sagt Fritz. Und im Einzelfall könne neben Kriterien wie der Pachthöhe auch von Bedeutung sein, ob die Existenz eines Betriebes an der Pacht des Kirchenlandes hänge.

Deutlich wurde auf der Tagung auch, dass viele Kirchengemeinden mit der Verpachtung an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit stoßen. „Ob ein Landwirt auf dem gepachteten Land auf den Bodenschutz achtet, oder die Flora und Fauna bei seiner Bewirtschaftung im Blick hat, kann ein Gemeindekirchenrat überhaupt nicht beurteilen“, sagt Ludwig Seeger, der dem entsprechenden Gremium in Börnicke bei Bernau vorsitzt und selbst Landwirt ist.

Und viele Kirchenmitglieder erinnerten an die ethische Verantwortung. Beate Corbach aus Berlinchen bei Wittstock fragte: „Gehen wir als Kirche mit der Kritik an der Massentierhaltung angemessen um?“ Die Pachtverträge schrieben nur ordnungsgemäß ausgeführte Landwirtschaft und den Verzicht auf genmanipuliertes Saatgut vor – „aber reicht das eigentlich aus?“ Am Ende nahm Landesbischof Dröge vor allem den Wunsch nach einer klarstellenden Handreichung für die Kirchengemeinden zur Landverpachtung mit ins Konsistorium. Und es wurde klar, dass längst nicht alle Fragen zur Verpachtung kirchlicher Ländereien in Brandenburg hinreichend ausdiskutiert sind.  

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