Kirche trifft Kunst

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19. Februar 2010, 01:57 Uhr

Berlin | Pfarrer Christhard-Georg Neubert blieb ganz ruhig. Der Theologe betete mit mehreren hundert Besuchern des ökumenischen Gottesdienstes zum "Aschermittwoch der Künstler", unter denen sich auch Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) befand, in der Sankt Matthäus Kirche am Berliner Kulturforum gerade einen Psalm, als ein etwa 40 Jahre alter Mann in einem grünen Anorak vor den Altar stürmte. Vor den Augen des Pfarrers, des evangelischen Landesbischofs Markus Dröge und des katholischen Erzbischofs von Berlin, Georg Kardinal Sterzinsky, zog sich der Unbekannte aus bis auf die Haut. Nackt stand er vor dem Altar, während Neubert die Bibelverse las. "Ihr bürdet den Menschen eine Last auf, die sie nicht tragen können, und habt selbst nicht einen Finger gerührt", sagte der nackte Mann vor dem Altar. Die Kirche verheimliche, "was hinter verschlossenen Türen vor sich geht." Erst als Landesbischof Dröge die Initiative ergriff, und den Organisten aufforderte, das alte Kirchenlied "Befiehl Du Deine Wege" zu intonieren, konnte der Unbekannte aus der Kirche geleitet werden. Bevor die alarmierte Polizei eintraf, war er verschwunden.

Eigentlich sollte es in dem Gottesdienst um etwas ganz anderes gehen: Seit Beginn der 1990er Jahre feiern beide großen Kirchen den Aschermittwoch als Begegnungstag von Kirche und Kunst. Entsprechend waren zahlreiche Berliner Künstler in die Sankt-Matthäus Kirche gekommen. "Es geht um die Frage, wie Kirche und Kunst zueinander stehen", sagte Georg Kardinal Sterzinsky in seiner Predigt. Denn die Kirche bedarf der Künstler und ihrer Kunst. "Jahr für Jahr lese ich die Passionsgeschichte und leite Passionsandachten", erklärte Sterzinsky. Doch in künstlerischen Darstellungen und in musikalischen Aufführungen der Leidensgeschichte Jesu entdeckt auch der Berliner Erzbischof "Jahr für Jahr noch Neues."

Nach dem Gottesdienst zogen alle Besucher in die benachbarte Gemäldegalerie, um den Ausführungen des Berliner Dirigenten Ingo Metzmacher zu lauschen. In der traditionellen "Künstlerrede" sprach der scheidende Leiter des Deutschen Symphonie-Orchesters (DSO) vom Verhältnis zwischen Gott und der Musik. Wenn eine Aufführung ganz gut gelinge, habe er den Eindruck, dass sich eine besondere Kraft ausbreite, so Metzmacher.

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