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Einsichten des Deichgrafen von 1997 : Kein völliger Hochwasserschutz

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Als Deichgraf und Krisenmanager wird der außerhalb seiner Heimat eher unbekannte Minister Matthias Platzeck berühmt.

svz.de von
erstellt am 14.Jul.2017 | 05:00 Uhr

Ohne Regenjacke und Gummistiefel, dafür Jeans und Holzfällerhemd: Beim Oder-Hochwasser vor 20 Jahren machte sich Brandenburgs Umweltminister Matthias Platzeck einen Namen, wurde als „Deichgraf“ bundesweit bekannt. Mit offener zupackender Art dirigierte er ein großes Team Katastrophenschützer. Gleichzeitig hatte er ein offenes Ohr für die Menschen, die um ihr Hab und Gut, aber auch um ihr Leben fürchteten. Der 63-Jährige erinnert in einem Interview mit Gudrun Janicke an das „Zweijahrhundert-Hochwasser“.

Es heißt immer: Platzeck hätte beim Oder-Hochwasser nie Gummistiefel getragen und besitze bis heute keine. Haben Sie sich nun ein Paar angeschafft?

Matthias Platzeck: Ja klar, auf meinem uckermärkischen Hof brauche ich die.

Während des Hochwassers trug ich ein paar feste Lederschuhe. Wenn man beim Hochwasser Gummistiefel trägt, ist es meistens schon zu spät.

Das Hochwasser von 1997hat einen Neuanfang im Hochwasserschutz bewirkt. Milliarden Euro werden eingesetzt. Kann sich so ein Hochwasser heute noch einmal wiederholen? Wir sind heute um ein Vielfaches besser aufgestellt als 1997. In den vergangenen zwei Jahrzehnten floss viel Geld in den Hochwasserschutz, so in Deichbau und die Schaffung von Überflutungsflächen. Wir haben auch sehr viel in die Verbesserung der Organisation der Einsätze gesteckt. Beim Hochwasser 2013 konnten wir in Brandenburg erste Früchte ernten und kamen, anders als Sachsen-Anhalt, glimpflich davon. Aber heute steckt auch eine ganz andere Wucht bei den Niederschlägen dahinter. Es wird angesichts des Klimawandels nie mehr eine 100-prozentige Sicherheit geben.

Wenn Sie an den Sommer vor 20 Jahren denken: Welche Begegnung blieb Ihnen bis heute in Erinnerung?

Nicht nur eine. Ich habe Menschen kennengelernt, zu denen der Draht bis heute nicht abgerissen ist. Ein Beispiel ist Hans-Peter von Kirchbach, General der Bundeswehrtruppen, die dort im Einsatz waren. Auch viele Kameraden der freiwilligen Feuerwehren verdienen Anerkennung und sind mir in Erinnerung geblieben, genau wie tatkräftige und mutige Mitarbeiter des Landesumweltamtes.

Tausende mussten ihre Häuser verlassen. Vom „Deichgrafen“ wurde erwartet, Mut zu machen und Lösungen zu bieten. Wo stießen Sie selbst an Ihre Grenzen?

Wir haben versucht, die ganze Zeit möglichst ehrlich und umfassend zu informieren, ohne unnötige Ängste zu wecken und Panik zu verbreiten. Es war oft eine Gratwanderung. Und als die Entscheidung fiel, das Oderbruch zu evakuieren, konnte man nichts beschönigen.

Nach vielen Toten in den Nachbarländern war unsere Reihenfolge klar: an erster Stelle stehen Leben und Gesundheit der Menschen. Am Ende war nicht ein einziges Menschenleben beklagen.

In der Storm-Novelle „Der Schimmelreiter“ stirbt Deichgraf Hauke Haien mit seiner Familie, weil ein alter Deich bricht. Der zuvor neu gebaute hielt. Sie wurden bundesweit als Deichgraf bekannt. Macht Sie der Titel heute noch stolz?

Ach, da ist die Zeit inzwischen drüber weggegangen. Ich habe den Namen über die vier entscheidenden Wochen nicht wahrgenommen und erst danach bemerkt. Der Begriff war ein Ausdruck des Vertrauens der Menschen, das hat mich gefreut. Wir konnten aber vor allem erleben, was in den Menschen an Kraft, Mut und Hilfsbereitschaft steckt. Das war außergewöhnlich.

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