Potsdam : Kein Geldkoffer, aber Vorschläge

Valeska de Pellegrini, Wolfsbeauftragte des Landes Brandenburg, unterhält sich mit dem Schäfer Olaf Kolecki hinter einem speziellen Weidezaun zur Abwehr von Wölfen.
Valeska de Pellegrini, Wolfsbeauftragte des Landes Brandenburg, unterhält sich mit dem Schäfer Olaf Kolecki hinter einem speziellen Weidezaun zur Abwehr von Wölfen.

Brandenburg ist Wolfsland - Konflikte mit dem Menschen sind vorprogrammiert / Eine Managerin versucht seit einem Jahr zu vermitteln

svz.de von
10. August 2018, 05:00 Uhr

Valeska de Pellegrini hat bislang in ihrem Leben erst einmal zwei Wölfe in freier Natur gesehen. „Eine Fähe und ein Rüde beobachteten mich aus etwa hundert Meter Entfernung“, erzählt die Brandenburger Wolfsbeauftragte. Von dem Paar wurde sie aus sicherer Entfernung beäugt, dann zog es ab. „Die Tiere haben sich vorbildlich verhalten“, lobt de Pellegrini, die von ihrem Hund begleitet wurde. Die Szene spielte sich vor Jahren in der Colbitz-Letzlinger Heide in Sachsen-Anhalt ab.

Schäfer Olaf Kolecki hört der 40-Jährigen ruhig zu und blickt auf seine Herde. „Ich sehe die Gefahr durch die Wölfe immer näher kommen.“ Er will keines seiner Tiere verlieren und sucht deshalb den Rat der Fachfrau.

Seit gut einem Jahr gibt es in Brandenburg zwei Wolfsbeauftragte. Sie sollen bei ernsten Konflikten zwischen Mensch und Isegrim vermitteln. Hauptbetroffene sind dabei Schaf- und Weidetierhalter, die auf eine „Regulierung“ der vor Jahren wieder heimisch geworden und auf der Roten Liste stehenden Raubtiere drängen. Als erstes Bundesland hat Brandenburg seit Jahresanfang eine Wolfsverordnung. Sie erlaubt immerhin bei einer ernsten Bedrohung oder gar Schäden als letzten Ausweg den Abschuss.

Derzeit leben in Brandenburg 29 Rudel, ein einzelnes Tier und möglicherweise ein Paar. Auch die Nachbarländer Sachsen, Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt durchstreift inzwischen der Wolf. Allein in Sachsen-Anhalt ergab die letzte Zählung elf Rudel - insgesamt 70 Exemplare.

Der Brandenburger Bauernbund, der sich als Vertretung familiengeführter Betriebe versteht, sieht als einzigen vernünftigen Herdenschutz die Reduzierung der Wölfe. Das Tier müsse dort gejagt werden, wo Menschen und Weidetiere leben, heißt es. An betroffene Tierhalter wurden laut de Pellegrini seit 2007 bis Ende Juni dieses Jahres rund 252 000 Euro Entschädigung gezahlt. In 430 Schadensfällen mit Nutztieren wurde ein Wolf als Verursacher ermittelt oder zumindest als solcher nicht ausgeschlossen.

Die Tiere von Schäfer Kolecki stehen vor allem in Westbrandenburg.

Seine Border-Collie-Hündin Hanuk hält die Herde zusammen: weiße Bentheimer Landschafe, die ebenso vom Aussterben bedroht sind wie die schwarzen Rauhwolligen Pommerschen Landschafe. „In meiner Herde ist Gott sei Dank noch kein Schaf gerissen worden“, sagt Kolecki, aber er kennt Berichte von Berufskollegen über tragische Verluste. „Ich weiß, man muss etwas tun.“ Ein Wolf töte das Schaf mit einem Biss in die Kehle und reiße dann den Bauchraum auf, erklärt de Pellegrini. „Das ist ein schlimmer Anblick.“ Ein Tier, dass man selbst aufgezogen habe, sollte nicht so in den Tod gehen. Schafe, die nicht geschützt werden, hätten keine Chance.

Die Wolfsbeauftragte berät Schäfer dahingehend, was möglich und bezahlbar ist. Sie hat internationales Waldökosystem-Management in Eberswalde studiert und außerdem Ausbildungen als Hundeerzieher und -trainer hinter sich. Einen Geldkoffer hat die Landesbedienstete bei ihren Treffen mit Tierhaltern nicht dabei, weiß aber, wie und wo Fördergelder zu erhalten sind.„Ein Zaun von mindestens 90 Zentimeter sollte Standard sein“, sagt de Pellegrini. Wer die Prävention verbessern wolle, könne Zäune bis 1,20 Meter fördern lassen. Und dann sollten obendrein 4000 Volt anliegen.„Einen hundertprozentigen Schutz gibt es zwar nicht, aber das könnte weitere Übergriffe abhalten.“ Nach ihren Angaben liegen für dieses Jahr mehr als 100 Anträge im Umfang von 420 000 Euro vor. Etwa 70 wurden bereits bewilligt, 40 sind in der Bearbeitung. Mit dem Geld können Zäune oder die Anschaffung speziell ausgebildeter Herdenschutzhunde gefördert werden.

Zudem gibt es einen Schadensausgleich, wenn ein Wolf Weidetiere gerissen hat - vorausgesetzt, die Herde wurde ausreichend geschützt. Die Summe sei jedoch auf 15 000 Euro innerhalb von drei Jahren begrenzt, erläutert de Pellegrini, deren Stelle zunächst bis Mai 2019 befristet ist.

Schäfer Kolecki lebt wie die meisten seiner Kollegen vor allem von der Landschaftspflege mit seinen Tieren. „Der Verkauf des Lammfleisches lohnt nicht bei einem Kilopreis von zwei Euro. Und für Wolle gibt es kaum Interessenten“, stellt er fest. Wenn Tiere vom Wolf getötet werden, fehlten wichtige Einnahmen aus der Landschaftspflege. Die wenigsten Schäfer hätte eigene Flächen, über die sie Prämien beantragen könnten. „Für sie wären Weidetierprämien von 38 Euro pro gehaltenes Mutterschaf, wie in 22 europäischen Ländern üblich, wichtig“, betont Kolecki. In Problemfällen, wenn Wölfe wiederholt gute Sicherungssysteme überwinden, bleibe nur die Tötung, räumt de Pellegrini ein. „Ich sage nicht, dem Wolf darf kein Haar gekrümmt werden.“

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