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Interview : Kampf gegen die Lichtverschmutzung

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Astronom Andreas Hänel über Vorzüge der Dunkelheit und den Kampf um einen Sternenpark im Havelland

svz.de von
erstellt am 17.Jan.2014 | 00:33 Uhr

Im Naturpark Westhavelland gibt es einen exzellenten Sternenhimmel. So schön, dass die Anlage in Gülpe bei Rathenow nun Deutschlands erster international anerkannter Sternenpark werden könnte. Mit einem der Initiatoren des Projekts, dem Osnabrücker Astronomen Andreas Hänel, sprach Mathias Hausding.

Herr Hänel, was verschlägt den Leiter eines Osnabrücker Planetariums ins westliche Havelland?

Ein italienischer Astronom hat vor einigen Jahren den ersten Lichtverschmutzungsatlas der Erde veröffentlicht. Und der zeigte, dass es im Nordosten Deutschlands noch dunkle Gebiete mit einem ungestörten Sternenhimmel gibt. Ich habe mir das dann im Havelland mal angesehen, weil es von dort Berichte über einen Himmel so dunkel wie sonst nur auf den Kanaren oder in Namibia gab.
Und was haben Sie gesehen?

Ich konnte mir zunächst nicht vorstellen, dass es so dunkel ist, wie einige Hobbyastronomen sagten. Also habe ich gemessen. Das macht man mit dem Sky Quality Meter, ein Gerät etwa so groß wie eine Zigarettenschachtel. Das Ergebnis: Es war wirklich sehr dunkel.
Was fasziniert Sie an der Dunkelheit?

Der Sternenhimmel in seiner natürlichen Pracht ist einfach ein toller Anblick – Sternschnuppen, ferne Galaxien, die Milchstraße von Horizont zu Horizont...
Es gibt überall in Europa und der Welt ländliche Regionen. Warum ist das Havelland so dunkel?

Der Hauptgrund ist die dünne Besiedlung. Sicher findet man auch in Polen oder Russland dunklen Himmel. Ich habe nach einem Ort in der Nähe gesucht, den Interessierte schnell erreichen können. Das Besondere am Naturpark Havelland ist, dass er nur 70 Kilometer von Berlin entfernt ist. Den Ort gilt es nun zu schützen, darum geht es mir vor allem.
Welche Rolle spielen Jahreszeit und Bewölkung für die Messungen am Himmel?

Gemessen wird grundsätzlich nur bei Neumond, wenn es richtig klar ist und wenn die Sonne tief genug unter dem Horizont steht. Juni und Juli fallen damit für die Messungen aus.
Ist dieser dunkelste Ort im Havelland allein etwas für Experten oder haben Laien auch etwas davon? Braucht man Spezialtechnik, um den Zauber nachempfinden zu können?

Nein, das kann man einfach so erleben. Natürlich laden wir Hobby-Astronomen, die andere dunkle Orte kennen, dazu ein, unseren Park zu beurteilen. Aber es kommen auch viele Leute, die sich ganz allgemein für den schönen Nachthimmel interessieren. Und ich selbst schaue mir am liebsten den Sternenhimmel mit bloßem Auge oder einem einfachen Fernglas an.
Was ist für Sie der perfekte Nachthimmel?

Den haben wir nirgendwo. Ein guter Himmel ist es, wenn am höchsten Punkt, dem Zenit, keinerlei Aufhellungen zu sehen sind. Und wenn die Lichtglocken am Horizont möglichst gering sind.

Seit Jahren bemühen Sie sich gemeinsam mit der Naturparkverwaltung darum, dass die International Dark Sky Association (IDA) mit Sitz in den USA das Gebiet im Havelland als ersten deutschen Sternenpark anerkennt. Wie stehen die Chancen?

Wir haben vor ein paar Wochen die Anträge abgegeben und offene Fragen beantwortet. Wichtig ist zum Beispiel, inwieweit die Kommunen mitspielen. Für den Titel Sternenpark muss etwas getan werden. Dazu gehört, dass man in Zukunft im öffentlichen Raum und möglichst auch privat Beleuchtung verwendet, die das Licht nur dorthin lenkt, wo man es braucht, also nicht an den Himmel. Das sind keine exotischen Forderungen. Es geht um verantwortungsvollen Umgang mit Licht. Wir müssen nun abwarten, ob wir in den Augen der IDA genug für den Erhalt der Nacht tun.
Wie ist das Feedback auf Ihre Aktivitäten im Havelland?Kommt einigen die Sache nicht spleenig vor?

Da war schon viel Skepsis am Anfang. Aber wenn man erklärt, Begründungen liefert, und wenn die Leute sich dann mal ganz bewusst den Sternenhimmel anschauen, dann wächst die Erkenntnis, dass man hier etwas ganz Tolles hat. Viele Menschen in Städten hingegen haben in ihrem Leben noch nie die Milchstraße gesehen.

Anfang Februar soll die Entscheidung der IDA fallen. So sie positiv ist, was versprechen Sie sich davon?

Wir hoffen dann auf eine Signalwirkung für die Region. Das geht beim Tourismus los. Schon jetzt bieten Pensionen Sternführungen oder Beobachtungsmöglichkeiten mit Fernrohr an. Es betrifft aber auch die Wissenschaft, Forschungen in Biologie und Gesundheit. Wir wollen zeigen, welche Vorteile die Dunkelheit Pflanzen und Tieren, aber auch den Menschen bringt. Der Einfluss von künstlichem Licht auf Insekten zum Beispiel lässt sich nur gut in einer dunklen Region erforschen. Freuen würde mich außerdem, wenn das Westhavelland eine Art Vorzeigefunktion hätte und auch andere Regionen die Vorzüge der Dunkelheit erkennen und den Sternenhimmel schützen.
Was droht Tieren, wenn die Nacht verloren geht?

Zugvögel brauchen die Nacht, um sich an den Sternen orientieren zu können, viele Amphibien und Insekten, die Bedeutung für den Naturkreislauf haben, sind auf Dunkelheit angewiesen. Sie ziehen sich zurück, wenn es zu hell ist.

Viele Menschen leiden in der dunklen Jahreszeit unter Stimmungsschwankungen und suchen deshalb das Licht. Wofür brauchen wir die Nacht?

In der medizinischen Forschung hat es in den vergangenen Jahren neue Erkenntnisse gegeben. Künstliches Licht vor allem mit hohen Blauanteilen kann die Gesundheit gefährden. Es ist nicht gut für die Augen und bringt den Hormonhaushalt durcheinander. Das Hauptproblem ist, dass wir tagsüber zu wenig Sonnenlicht bekommen und nachts zu viel Kunstlicht.

Was können Städte dagegen tun?

Lampen mit warmweißen Farbtönen sind besser, wie sie zum Beispiel im Lichtmasterplan für Berlin vorgeschrieben sind. In Brandenburg sieht man leider gerade im ländlichen Bereich viele Leuchten, die schlecht abgeschirmt sind und weit in die Gegend hinaus strahlen.

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