Interview mit scheidender rbb-Intendantin : Journalismus bedeutender als zuvor

Dagmar Reim geht nach 13 Jahren an der Spitze des rbb in den Ruhestand.
Dagmar Reim geht nach 13 Jahren an der Spitze des rbb in den Ruhestand.

Scheidende rbb-Intendantin Dagmar Reim über die Glaubwürdigkeitskrise der Medien, den Rundfunkbeitrag und ihre schwerste Entscheidung

svz.de von
15. Juni 2016, 05:00 Uhr

Gründungsintendantin Dagmar Reim geht nach 13 Jahren an der Spitze des Rundfunks Berlin Brandenburg (RBB) in den Ruhestand. Im Interview mit Thomas Pfaffe redet sie über die Glaubwürdigkeitskrise der Medien, das Tempo im Journalismus, den Rundfunkbeitrag und über die schwerste Entscheidung ihrer Intendanz. Die 64-jährige Dagmar Reim war auch beim rbb dafür verantwortlich, dass der Sender die Elblandfestspiele in Wittenberge aufzeichnete und ausstrahlte.

Es ist viel von einer Glaubwürdigkeitskrise der Medien die Rede. Wie hat sich dieses Thema in der Zeit verändert, in der Sie Intendantin waren?
Dagmar Reim: Als ich vor 13 Jahren hier ins Amt kam, gab es dieses Thema nicht. Das heißt, es wird es irgendwo gegeben haben, in irgendwelchen Köpfen. Aber niemand redete öffentlich darüber. Heute ist das Thema hochpräsent, und ich denke, das muss gar kein Nachteil für uns sein. Die Leser, Zuschauer und Zuschauerinnen stellen heute mehr und andere Fragen als früher. Also müssen wir die neuen Fragen beantworten. Wir müssen mehr selbstreflexiv arbeiten. Mehr darüber reden, was und wer unsere Quellen sind, mehr Auskunft geben, mehr für Transparenz sorgen.

Wenn Sie zurückblicken auf den Anfang Ihrer Intendanz: Gibt es heute etwas im Journalismus, was Sie sich damals nie hätten vorstellen können?
Ich hätte mir damals nicht vorstellen können, dass es einen derartigen Fortschritt beim Thema Geschwindigkeit gibt. Die Geschwindigkeit dessen, was auf Journalistinnen und Journalisten – und dank der neuen Medien auch auf Endverbraucher – einprasselt, ist enorm. Die uralte Aufgabe des Journalisten – aussuchen, was ist relevant, was hat Informationsgehalt – das erscheint mir bedeutender als je zuvor.

Sie übergeben die Verantwortung bald in die Hände Ihrer Nachfolgerin Frau Schlesinger. Welches Erbe tritt sie an – und was sind ihre wichtigsten Aufgaben?
Sie kommt in einen Sender, der die schwere Aufgabe der Fusion gut gemeistert hat. Dann ging es darum, den Sender finanziell zu konsolidieren. Auch das ist gelungen. Das sagt sich viel leichter, als es war. Es ging um einen dramatischen Stellenabbau. 300 Stellen. Das war eine harte Zeit. Danach stand die Entwicklung des Senders an. Die Grundlage ist gelegt. Ratschläge gebe ich Frau Schlesinger nicht.

Welches war die Entscheidung, die Ihnen als Intendantin am schwersten gefallen ist?
Das war das Ende von Radio Multikulti. Radio Multikulti basierte auf einer Fiktion – etwas, das sehr gut gemeint ist für Migrantinnen und Migranten muss ja auch bei Migrantinnen und Migranten ankommen. Das war nicht der Fall. Es hat niemand gehört.

Was war die beste Entscheidung, die Sie getroffen haben?
Es gab vieles, mit dem ich glücklich war. Etwa die Einrichtung der Multimedialität. Wir waren der erste Sender in der ARD, der ein Vollprogramm im Fernsehen hat und sich bereits 2009 zu multimedialer Programmarbeit aufgerafft hat.

Am 16. Juni beraten die Ministerpräsidenten über den Rundfunkbeitrag von 17,50 Euro. Zur Diskussion steht eine Senkung um 30 Cent ab 2017 – gleichzeitig wird über eine Erhöhung im Jahr 2021 auf 19,10 Euro oder 19,40 Euro debattiert. Was ist Ihre Botschaft an Ihre Hörer und Zuschauer?
Ich denke, der Gegenwert dessen, was die Menschen für den Beitrag bekommen können, ist beträchtlich. Wir müssen immer darauf achten, den Auftrag, den wir haben, zu erfüllen. Öffentlich-rechtlicher Rundfunk muss große Mehrheiten bedienen und darf kleine Minderheiten nicht vergessen.

Hängt die künftige Entwicklung des rbb auch an der Entscheidung der Ministerpräsidenten zum Rundfunkbeitrag?
Also diese 30 Cent, das wird nicht entscheidend sein. Wichtig ist, dass die Ministerpräsidenten den etwas längerfristigen Blick haben. Dem rbb hat die Umstellung von Gebühr auf Beitrag sehr geholfen. Wir stehen finanziell deutlich besser da als zuvor. Das bedeutet nicht, dass Frau Schlesinger und meine Kollegen Geld haben, um es aus dem Fenster zu werfen.

Sie sagten einmal, dass sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk so ändern müsse, wie sich die Zeiten ändern. Was sind aus Ihrer Sicht die großen Herausforderungen der mittelfristigen Zukunft?
Das ist selbstverständlich der Medienwandel. Wir wissen, dass wir mit dem linearen Fernsehen immer weniger junge Menschen erreichen. Gleichwohl sehen immer noch mehr junge Leute die Tagesschau, als irgendetwas anderes. Wenn man hört, es sieht niemand mehr fern – völliger Quatsch. Aber die Darbietungsweise ändert sich. Was früher der Fernseher im Wohnzimmer war, ist heute das Smartphone, ist heute das Tablet. Und das sind alles neue Ausspielwege für unser Fernsehangebot. Zugleich entsteht ein eigenes Medium, es erfordert eigene Produktionsweisen, eigene Fantasien.

Niemand mag Quotentiefdebatten, daher die Frage: Wie zufrieden sind Sie mit den Zuschauerzahlen des rbb-Fernsehens?
Richtig ist, wir wünschen uns für das rbb-Fernsehen mehr Zuschauerinnen und Zuschauer. Das hat natürlich auch mit Geld zu tun. Selbstverständlich gibt es stapelweise Ideen bei den Kolleginnen und Kollegen des Fernsehens, die wir aus finanziellen Gründen nicht realisieren konnten. Da kann Frau Schlesinger jetzt besser agieren, hoffe ich.

Wie schafft man in der Berichterstattung den Spagat zwischen der Millionenmetropole Berlin und dem Land Brandenburg?
Oft haben bestimmte Reportagen aus Berlin sehr viel mehr Zuschauer in Brandenburg als in Berlin. Das heißt, die Zuschauerinnen und Zuschauer sind überhaupt nicht festgelegt auf Ländergrenzen.

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