Weihnachten auf Sterbestation : Jetzt geht es zu Ende

Georg Maschmeyer, Chef der Palliativstation im Ernst von Bergmann-Klinikum Potsdam
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Georg Maschmeyer, Chef der Palliativstation im Ernst von Bergmann-Klinikum Potsdam

Weihnachten auf einer „Sterbestation“ ist keine schöne Vorstellung

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23. Dezember 2015, 21:00 Uhr

„Über Weihnachten sollten Sie zu Hause sein“, sagt Georg Maschmeyer der an einer Knochenmarkerkrankung leidenden Patientin von Mitte 70. „Wir fangen im Januar wieder an.“ Und er fügt beruhigend hinzu: „Wenn's schlechter wird, können Sie sich hier wieder melden.“
Maschmeyer ist Leiter der Palliativstation am Ernst von Bergmann Klinikum Potsdam, die schwer kranke Menschen betreut.

Palliativmedizin ist eine junge Sparte. Es habe Zeit gebraucht, diesen Zweig in die Köpfe der Patienten und Ärzte zu bringen. Sterben und Sterbebegleitung waren kein attraktives Tätigkeitsfeld für junge Mediziner, steht doch der Arzt für das Leben. Als vor zehn Jahren erste Lehrstühle eingerichtet wurden, habe man Mühe gehabt, diese zu besetzen. Experten fehlten. Man habe sich langsam vorgetastet, erzählt Maschmeyer.

Inzwischen hat sich viel geändert. Palliativmedizin wird als übergreifender Wissenschafts- und Leistungsbereich verstanden. Der Krebsspezialist Maschmeyer ist Chefarzt der Klinik für Hämatologie, Onkologie und Palliativmedizin. Studien zeigten, dass sich die Zusammenarbeit von Krebs- und Palliativmedizin lebensverlängernd auf die Patienten auswirken kann.

Auf der Palliativ-Station scherzt Maschmeyer mit einer Patientin: „Sie haben die Haare schön.“ Über das blasse, schmale Gesicht der mehrfach an Krebs erkrankten 75-Jährigen huscht ein Lächeln: „Ich war gerade beim Friseur.“ Und sie werde gut betreut. Wenn nur das Wasser in den Knien nicht wäre. Sie hebt die Decke. Maschmeyer kontrolliert die Knie: „Ich glaub', dass wir das hinkriegen.“ „Das macht mir Mut“, sagt die zierliche Frau. „Erstmal darf ich noch bleiben?“ Maschmeyer deutet zum Oberarzt: „Bestimmt, wenn Sie ihn bezirzen.“

Nach den schweren Belastungen einer Krebsbehandlung mit zum Teil mehreren Operationen können die Patienten auf der Palliativ-Station wieder zur Ruhe kommen. Die Schmerzbehandlung entlastet den geplagten Körper. Es kehrt sogar Lebensmut zurück und der Wunsch, wieder gegen den Krebs zu kämpfen.

Selbst wenn der Palliativmediziner mal einen Fall für aussichtslos und die Qualen für massiv hält, versuchen Angehörige manchmal trotzdem alles, um die Krebstherapie fortzusetzen. Ihre Verzweiflung richtet sich in solchen Momenten auch gegen den Arzt. „Da braucht man viel Geduld“.

Im Nebenzimmer sitzt die 75-jährige Frau fast aufrecht im Bett, mit offenem Mund röchelnd. Sie dämmert vor sich hin, liegt im Sterben. Ihre Tochter sitzt am Bett: „Bitte Herr Doktor, sie soll keine Schmerzen haben.“ Die Tochter weint. „Es geht zu Ende“, sagt sie. Papa liege auch im Krankenhaus. Das belaste die Familie schon.

Die Familie muss immer mit einbezogen werden, meint Maschmeyer. Zur Palliativversorgung gehört, Angehörige von Sterbenden zu betreuen und zu beraten. Wenn diese es wollen, können sie im Patientenzimmer einziehen.

Bevor Maschmeyer und Oberarzt Benjamin Günther zur Visite an ein Krankenbett treten, wird die familiäre Lage des Patienten besprochen. Maschmeyer schätzt, dass 50 Prozent der Familien sterbende Angehörige nicht zu Hause pflegen können. Sei es, weil sie alleinstehend sind, berufstätig, Kinder zu versorgen haben oder weil die Familie seit vielen Jahren zerstritten ist.

Dann wartet eine 84-Jährige. Der Tumor hat mehrere Organe befallen, sie hatte einen kleinen Schlaganfall. Maschmeyer scherzt mit ihr. Er sagt auch: „Das können wir nicht heilen. Wir versuchen das Fortschreiten zu behindern, aber nicht, den Tumor zu bekämpfen.“ Die Patientin ist gefasst. Sie soll ins Hospiz. „Die machen ganz viel mit Ihnen“, sagt Maschmeyer. „Das ist besser, als wenn Ihnen keiner hilft.“ Es entsteht eine Pause. „Dann werden Sie irgendwann nicht mehr aufwachen.“ Die Patientin weint. „Irgendwann muss es sein“, sagt Maschmeyer, versucht zu trösten. „Wir wollen nichts machen, was Sie nur belastet.“

Kommt für schwer kranke Menschen keine weiter belastende Therapie infrage, werden sie auf der Palliativstation so stabilisiert, dass sie zu Hause in gewohnter Umgebung sterben können. Trägt das häusliche Umfeld nicht, sollen sie im Hospiz bis zum Ende betreut werden. Seine Station hat acht Betten, zehn wären auch in Ordnung. Mehr braucht es nicht, sagt Oberarzt Günther. Ein Versorgungsrückstau entstehe eher durch die schleppende Verlegung der Patienten in Hospize. Dort fehlen Plätze - in der Region könnten es 50 Prozent mehr sein, sagt Maschmeyer. In 34 Berufsjahren sei er nie gebeten worden, Beihilfe zur Selbsttötung zu leisten, sagt der Chefarzt. Hinter dem Wunsch zu sterben, stecke meist der Wunsch, unter diesen Bedingungen nicht mehr leben zu wollen. Mehr als 90 Prozent dieser Fälle könne man auffangen. Ganz selten komme es vor, dass Palliativmedizin Schmerzen nicht mehr lindern kann. Dann dürfe der Patient mit Morphinen, Beruhigungs- und angstnehmenden Mitteln so weit sediert werden, dass eine Verkürzung der Sterbephase in Kauf genommen werden könne.

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