Altfälle : „Jeder liest die komplette Akte“

„Komplizierter als die Nadel im Heuhaufen zu finden“, so beschreibt Axel Hetke seine Arbeit in der Altfall-Kommission.
„Komplizierter als die Nadel im Heuhaufen zu finden“, so beschreibt Axel Hetke seine Arbeit in der Altfall-Kommission.

Kriminalhauptkommissar Axel Hetke und seine Kollegen in einer Abteilung des LKA in Eberswalde sind alten Fällen auf der Spur.

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03. November 2017, 05:00 Uhr

In Brandenburg gibt es über 100 Altfälle, die von der Polizei noch nicht aufgeklärt werden konnten – sogenannte Cold Cases. Auch das Verschwinden Jörn Bourrys im Jahr 1975 zählt dazu. Bis heute ist nicht klar, warum der Junge eines Tages nicht mehr nach Hause kam.

„Das Kind ist aus dem Nichts heraus verschwunden“, sagt Kriminalhauptkommissar Axel Hetke. In seiner Abteilung des Landeskriminalamts in Eberswalde beschäftigen sie sich ausschließlich mit Altfällen. Die Arbeit würde sich lohnen, so der Beamte. Auch wenn sie nicht immer zum Erfolg führe. Was aus Jörn Bourry aus Schönow bei Bernau geworden ist, konnte nicht ermittelt werden.

Das Kind verschwand am Nachmittag des 4. Juni 1975 spurlos. Eigentlich sollte der Junge, der bei seiner Oma wohnte, seiner Mutter Geld bringen. Die lebte nur zehn Minuten von seinem Wohnhaus entfernt, war diesmal aber nicht zu Hause. Normalerweise hinterlegte Jörn Bourry dann das Geld an einem verabredeten Ort. Doch diesmal nicht. Eine Postfrau sah den Jungen noch über den Gartenzaun des mütterlichen Wohnhauses klettern, danach verliert sich seine Spur. Bis heute. Damit ist Jörn Bourry das am längsten vermisste Kind in Brandenburg.

Über 20 weitere Vermisste, knapp 90 Tötungsdelikte – alles ungeklärte Fälle, die Hetke sich wieder auf den Schreibtisch holen könnte. Doch welcher Cold Case erneut aufgegriffen wird, entscheidet der Kriminalbeamte nach speziellen Kriterien. Zunächst muss der Tötungs- oder Vermisstenfall durch die Mordkommission bearbeitet, aber kein Ergebnis festgestellt worden sein. Erst dann wird überhaupt von einem Altfall gesprochen. Bei diesem muss das Aktenmaterial vollständig sein und die kompletten Spurenmaterialien vorliegen, um erneut bearbeitet zu werden. Außerdem sollten auch neue Ansatzpunkte oder Verfahren in Betracht kommen.

„Danach ist es Teamarbeit. Jeder liest die komplette Akte“, sagt Hetke. Filmische Inszenierungen, wo ein Kommissar allein die Spur aufnimmt, seien schlichtweg fiktiv. Auch wenn Jahrzehnte vergangen sind, können noch neue Ansatzpunkte entdeckt werden. Dennoch muss solch eine Wiederaufnahme des Falls behutsam stattfinden. „Wir laden niemanden vor, wir nehmen Kontakt per Telefon auf und das äußerst sensibel“, sagt der Kommissar. Außerdem fahren sie an mögliche Tatorte, sprechen mit damaligen Zeugen und Ermittlungsbeamten.

Jörn Bourrys Akte hat Hetke vor neun Jahren erneut geöffnet. „Den Eltern wurde noch mal DNA entnommen“, sagt er. Neue, medizintechnische Verfahren ermöglichten eine Rekonstruktion von Jörn Bourrys DNA aus der elterlichen Substanz. Sollten nun Leichen gefunden werden, können die jeweiligen Erbinformationen abgeglichen werden. Doch bis heute keine Spur. Und so schloss Hetke auch 2009 die Akte Bourry wieder – keine neuen Hinweise darauf, was vor über 40 Jahren passierte.

Seine Arbeit in der Altfall-Kommission beschreibt Hetke als „komplizierter als die Nadel im Heuhaufen zu finden.“ Dennoch sei es eine interessante Arbeit. Vor allem Erfolg sei noch zufriedenstellender, wie in dem vor Kurzem aufgeklärten vermeintlichen Mordfall in Bernau aus dem Jahr 1984. Jahrelang ging die Polizei davon aus, dass Helga N. Opfer eines Tötungsdelikts geworden war. Doch eine völlig neue Bewertung der Tatortsituation spricht auf Grundlage erneut aufgenommener Ermittlungen für Selbsttötung.

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