Jeden Ton berechnet

Eine der vier neuen Glocken schwebt in den Nord-West-Turm der Nikolaikirche.
Eine der vier neuen Glocken schwebt in den Nord-West-Turm der Nikolaikirche.

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01. April 2010, 01:57 Uhr

Potsdam | In den vergangenen zwei Jahren haben die Türme der Potsdamer Kirche St.Nikolai am Alten Markt, ganz nah an der Baustelle für das entstehende Landtagsschloss, nur stumm da gestanden. Das Geläut wurde 2008 entfernt, damit die Glockenstühle saniert werden konnten. Und zuvor war der Klang des Sakralbaus fast 100 Jahre lang buchstäblich ein stählerner, denn: Während des Ersten Weltkrieges waren die vier Bronzeglocken der Nikolaikirche für Rüstungszwecke eingeschmolzen und 1922 durch Stahlgussglocken ersetzt worden. Aufgrund des hohen Kohlenstoffgehalts halten diese Modell aber höchstens 80 bis 100 Jahre. Zum diesjährigen Oster-Gottesdienst werden erstmals unter der Kirchenkuppel vier neue, wieder aus Bronze gefertigte Glocken erklingen.

Vor wenigen Tagen wurde das insgesamt 145 000 Euro teure Glockenquartett in die Türme der Kirche gehievt. Finanziert wurden sie von der Stiftung Preußisches Kulturerbe. Die Redner nannten es ein Jahrhundertereignis, einen Freudentag, einen bewegenden Moment. Zumindest war die Einholung der neuen Glocken ein historischer Moment für die Landeshauptstadt. Nach fast einem Jahrhundert "kehren die Glocken zurück in Potsdams Mitte", sagte der Superintendent der evangelischen Kirchengemeinde Potsdam, Joachim Zehner. Die größte, die Dankesglocke, 1700 Kilogramm schwer, dröhnt mit tiefem, schwerem Ton. Die kleinste Glocke klingt nahezu zart im höchsten Ton - wie es ihre Inschrift verlangt: "Lobet den Herren". Die beiden mittleren Glocken sind die Vater-Unser- und die Gebetsglocke. Dass 65 Jahre nach den Bombenangriffen auf Potsdam im Zweiten Weltkrieg wieder dort Glocken erklingen, wo sie für Kriegszwecke entfremdet wurden, sei von hoher Symbolkraft, sagte Zehner. "Der Aufbauwille ist stärker als alle zerstörerischen Kräfte dieser Welt."

Gefertigt wurden die vier Bronzestücke in der Eifeler Glockengießerei - einer von vier Manufakturen, die es in Deutschland für diese Zunft noch gibt und deren Glocken auch auf dem Kölner Dom klingen. Drei Monate hat Cornelia Mark-Maas für die Arbeit gebraucht. Vom Berechnen der Töne, abgestimmt auf die Glockenspiele der umliegenden Potsdamer Kirchen, bis zum Gießen erfolgen die vielen Arbeitsschritte in traditioneller Handarbeit. "Wir schaffen etwas, was von langer Dauer und sehr schön ist. Das ist sehr befriedigend", sagt die Glockengießerin.

Die Einholung der Glocken markierte die Krönung der umfangreichen Sanierung der Nikolaikirche, die nach acht Jahren in diesem Sommer abgeschlossen wird. Für 6,5 Millionen Euro wurden Fassade und Dach des nach Plänen von Schinkel gebauten klassizistischen Kirchenensembles komplett erneuert. 2,2 Millionen Euro gaben Bund, Land und Stadt; etwa eine Million Euro kam jeweils von der Landeskirche sowie vom Bundesbeauftragten für Kultur und Medien. Zwei Millionen Euro brachte die Kirchengemeinde selbst auf, weshalb es mutig war, zusätzlich die Erneuerung des Geläuts zu wagen. "Diesen Mut wollten wir unterstützen", sagte Max Klaar für die Stiftung Preußisches Kulturerbe, die das Geld für die neuen Glocken spendete. Für Potsdams Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) ist es ein "symbolisches Zeichen", dass die Nikolaikirche als erstes saniert wurde, die einst mit dem Stadtschloss und dem Palais Barberini das Ensemble auf dem Alten Markt prägte.

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