Inventur einer bedrohten Welt

Der fleischfressende Sonnentau steht auf der Liste gefährdeter Pflanzenarten. Im Moor bei Grabko fühlt er sich wohl.UWOR
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Der fleischfressende Sonnentau steht auf der Liste gefährdeter Pflanzenarten. Im Moor bei Grabko fühlt er sich wohl.UWOR

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14. Juni 2010, 01:57 Uhr

Grabko | Lupen und Ferngläser baumeln um die Hälse der rund 25 studierten Botaniker und Hobby-Biologen, als sie am Sonnabendmorgen losziehen. Sie wollen am Geo-Tag der Artenvielfalt die Fauna auf Feldern, in Wäldern und Mooren rund um die Dörfer Grabko und Atterwasch im Landkreis Spree-Neiße erkunden. Die Wissenschaftler kommen vom Botanischen Garten und Museum (BGBM) in Berlin und vom ehrenamtlichen Botanischen Verein Berlin/Brandenburg.

Botaniker Ralf Hand vom BGBM zückt den Bleistift. In den kommenden sechs Stunden streicht er auf Zuruf die gefundenen Pflanzenarten von einer Liste und kennzeichnet sie je nach Fundort. "Dactylis glomerata", ruft jemand. "Hier ist eine Dianthus deltoides", sagt ein anderer. Was für Laien wie eine gewöhnliche Wiese aussieht, entpuppt sich als botanische Schatztruhe. Die Geo-Tag-Teilnehmer durchstreifen hüfthohe Wiesen, schlagen sich durchs meterhohe Schilf, pulen am Wegrand das kleinste Grün hervor. Bereits nach zwei Stunden haben sie 140 Arten benannt. Der Großteil ist trivial, doch sie entdecken auch Arten, die auf der Roten Liste gefährdeter Pflanzen Deutschlands ganz oben stehen.

Die Truppe macht am Waldrand abrupt Halt. "Hier haben wir den Salat", scherzt Thomas Dürbye, tätig in der Saatgutbank des BGBM. Was er entdeckt hat, nennt sich Lämmersalat. Früher war diese unscheinbare, gelbe Blume zuhauf an nährstoffarmen Ackerrändern zu finden; heute nehmen ihr Dünger und steigende Konkurrenz anderer Pflanzen die Lebensgrundlage. Sofort zücken die Botaniker ihre Kameras, erfassen Standort und Population.

Ähnliche Szenen spielen sich später im Moor bei Grabko ab. Dort zieht sich der fleischfressende Sonnentau fast wie ein Teppich über den feuchten Boden. Die winzige, rot schimmernde Pflanze, die mit ihren schleimigen Enden Insekten fängt, steht ebenfalls auf der Roten Liste. "Wunderschön", sagt Ralf Hand und macht sich Notizen. Dann entdeckt er die seltene Moosbeere. Bei Atterwasch stößt die zweite Forschungsgruppe derweil auf den stark gefährdeten Blut-Storchschnabel, Wiesenknöterich, das Zittergras und die Ackerhundskamille.

Doch es geht am Sonnabend nicht nur um eine reine Arteninventur. Das Gebiet hat politische Brisanz. Braunkohlegegner René Schuster von der Grünen Liga nimmt an der Exkursion teil, um sich ein Bild zu machen, wie er sagt. Auch Dr. Holger Zetzsche vom Projekt DNA-Bank-Netzwerk des BGBM betont: "Wir wollen ein Zeitzeugnis der von der Zerstörung bedrohten Landschaft erhalten." Auch wenn es zynisch klinge, "dann können wir nachträglich sehen, was alles verloren ging."

Die DNA-Bank kooperiert seit drei Jahren mit dem Botanischen Verein von Berlin und Brandenburg, der bereits zu Lakoma ein Gutachten verfasste. Das Dorf wurde vor etwa fünf Jahren vom Energiekonzern Vattenfall für den Braunkohle-Tagebau Cottbus-Nord abgerissen. Den Ortschaften Atterwasch, Grabko und Kerkwitz droht dasselbe Schicksal. 2007 wurde bekannt, dass Vattenfall dort den Tagebau Jänschwalde-Nord plant. Ab etwa 2020 sei die Umsiedlung deshalb erforderlich, heißt es. Mit einer Entscheidung im Braunkohleplanverfahren wird offiziell im Jahr 2015 gerechnet. Rund 900 Menschen würden ihre Heimat verlieren, die Artenvielfalt zerstört. "Wenn wir noch etwas bewegen können, werden wir das tun", so Michael Ristow vom Botanischen Verein. Die Argumentationsgrundlage sei vorhanden. Um die Dörfer befinden sich EU-Naturschutzgebiete.

Insgesamt 345 höhere Pflanzenarten kartieren die Botaniker an diesem Tag, 20 davon stehen auf der Roten Liste. Pilzkundler entdecken 65 Arten, darunter den seltenen Tintling. Experten der Uni Potsdam machen 62 Moosarten aus, auch das stark gefährdete Torfmoos.

Die Pflanzen werden nun gepresst und digital erfasst. Dr. Birgit Gemeinholzer, Leiterin des DNA-Bank-Netzwerks, legt die Gräser und Blüten sorgsam zwischen Zeitungspapier. Ein Teil des Gewebes wird für spätere DNA-Proben gesondert registriert und mit einem Spezialgel getrocknet, um Schimmelbefall zu verhindern. Die Proben sollen zusammen mit den Herbarbelegen im Internet zu Forschungszwecken verfügbar gemacht werden. Birgit Gemeinholzer liebt ihre Arbeit in der Natur. Wenn sie daran denkt, dass die Landschaft bei Grabko und Atterwasch verschwinden soll, "blutet ihr das Herz". Zwar wolle sie sich nicht anmaßen, Vattenfalls Gründe zu beurteilen. "Doch nach Gesichtspunkten der Artenvielfalt ist das eine reine Katastrophe", sagt sie.

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