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Flüchtlinge in Brandenburg : Integration im Löschzug

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Erste Feuerwehren im Land wollen Flüchtlinge als neue Mitglieder gewinnen

svz.de von
erstellt am 01.Jul.2016 | 05:00 Uhr

Obwohl Brandenburger Feuerwehren händeringend nach neuen Mitgliedern suchen, spielen Zuwanderer dort überhaupt keine Rolle. In zwei Städten haben Brandschützer begonnen, Flüchtlinge in die eigenen Reihen zu integrieren. Das Beispiel soll Schule machen.

Wenn Jörn Müller die Einsatzstatistiken liest und gleichzeitig den Personalbestand durchgeht, dann kommt der Chef der Fürstenwalder Feuerwehr ins Grübeln. Seine Stadt steht zwar blendend da, robuste Wirtschaft, stabile Einwohnerzahl, buntes Vereinsleben, nur die Feuerwehr leidet. 60 ehrenamtliche Mitglieder zählt sie neben den Berufskräften, doppelt so viele wären notwendig.

Daher hat sich der 53-Jährige einen Tag im Dezember dick im Kalender angestrichen. Damals standen vier Asylbewerber aus Kamerun vor seinem Büro und wollten Feuerwehrleute werden. Kurz zuvor hatten sie mit ihrem Deutschkurs die Wache besucht, die Brandschützer legten sich ins Zeug, das Interesse war groß. „Ein Glücksfall“, findet Müller. „Wir haben natürlich Ja gesagt.“

Mittlerweile haben drei der Afrikaner, zwei junge Männer und eine Frau, ihre blauen Uniformen erhalten und trainieren vorerst grundlegende Handgriffe. „Ich hätte sie sofort zur Feuerwehrschule geschickt, wenn die Sprachbarriere nicht wäre“, sagt der Feuerwehrchef. Ein Kamerad, der Französisch spricht, dient vorerst als Dolmetscher.

Mathias Gödigk, stellvertretender Löschzugführer, zeigt sich zufrieden: „Sie sind hochmotiviert.“ Dennoch weiß er, dass die Ausbildung aufgrund mangelnder Deutschkenntnisse länger dauern wird. Zum Einsatz kann er sie noch nicht mitnehmen. „Wir müssen uns vor Ort schnell verständigen können.“

Jörn Müller will noch keine Prognose wagen, ob die Integration von Flüchtlingen in die Feuerwehren gelingen kann. „Wir sind offen für alle Nationalitäten“, betont der Stadtbrandmeister. So würde er sich auch ein Engagement von gebürtigen Polen oder Russen wünschen. „Sie wären besonders bei Einsätzen auf der A12 wichtig, wo immer mehr osteuropäische Lkw-Fahrer in Unfälle verwickelt sind.“ Ebenso seien Brandschützer mit türkischen oder arabischen Wurzeln gefragt – unter anderem als Sprachmittler. „Aber wir finden bislang keinen Zugang“, erzählt Müller. „Feuerwehrleute sind in anderen Kulturkreisen nicht so anerkannt wie bei uns.“

Auch die Freiwillige Feuerwehr in Wittstock/Dosse (Ostprignitz-Ruppin) erhielt im vergangenen Herbst unverhofft Zuwachs. Zwölf syrische Flüchtlinge stellten sich vor, zwei begannen mit der Grundausbildung. „Wir waren vielleicht zu früh dran“, meint Wehrführer Sven Scheer. Denn die Fluktuation war groß: Einige sind umgezogen, andere wurden in ihr Heimatland abgeschoben.

Wittstock zählt 14 000 Einwohner und erstreckt sich auf 420 Quadratkilometer. In Deutschland gibt es nur wenige Städte mit größerer Fläche. 18 Orte wurden eingemeindet. Diese Zahlen verdeutlichen das Dilemma des Feuerwehrchefs. „Das Gebiet ist riesig. Es reicht hinten und vorne nicht, um den Betrieb hier dauerhaft zu sichern“, sagt Scheer. Nach seiner Auffassung müsste die Debatte um die Zukunft der Feuerwehren eine höhere politische Gewichtung erfahren. „Die Statistiken bilden die Realität nicht ab“, so der Wehrführer. Für ihn zähle allein, wer tatsächlich zur Verfügung stehe – in Wittstock sei das nur ein Drittel der Freiwilligen. „Leider haben die Firmenchefs kein Verständnis für unsere Situation.“

Scheer kann Beispiele aufzählen, die für Kopfschütteln sorgen. So hatte er im vergangenen Jahr bei einem Großeinsatz im Gewerbegebiet registriert, dass ein Unternehmer am Zaun stand und die Löscharbeiten beobachtete. Einem Angestellten, ein Feuerwehrmann, erlaubte er nicht, zum Einsatz zu fahren. „Das macht mich fassungslos“, macht der Stadtbrandmeister deutlich.

Trotz mehrerer Kampagnen ist die Zahl der Feuerwehrleute in Brandenburg mittlerweile unter die Grenze von 40 000 gesunken. „Gleichzeitig werden wir immer häufiger alarmiert“, sagt Werner-Siegwart Schippel, Chef des Landesfeuerwehrverbandes. Mittlerweile wird in manchen Dörfern erwogen, Löschzüge zu fusionieren, um die Einsatzbereitschaft aufrechtzuerhalten. Eine Trendwende könne jedoch nur erreicht werden, wenn Land und Kommunen bei der Mitgliedersuche helfen. „Die Verantwortlichen sollten darüber nachdenken, wer wichtiger ist: Sportvereine oder Feuerwehren“, sagt Schippel.

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