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Interview : „Integration braucht langen Atem“

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Aus der Redaktion des Prignitzers

Angelika Thiel-Vigh spricht über die Betreuung von Flüchtlingen in Brandenburg

svz.de von
erstellt am 30.Aug.2017 | 05:00 Uhr

Potsdam/Prignitz Auf dem Höhepunkt der Flüchtlingswelle Ende 2015 wurde das Bündnis für Brandenburg ins Leben gerufen. Wie sich die Arbeit der zahlreichen Unterstützer seitdem verändert hat, darüber sprach Ulrich Thiessen mit der Leiterin der Koordinierungsstelle in der Staatskanzlei, Angelika Thiel-Vigh.

Frau Thiel-Vigh, im Herbst 2015 ist das Bündnis für Brandenburg gegründet worden. Wie viele Mitstreiter gibt es inzwischen?

Angelika Thiel-Vigh: Wir zählen jetzt 290 Unterstützer. Ich bin zufrieden. Es liegt aber in der Natur der Sache, dass in letzter Zeit nicht mehr sehr viele dazu gekommen sind.

Bei Gründung galt es, Abhilfe bei akuten Problemen zu schaffen. Inzwischen funktioniert die Verwaltung. Wird das Bündnis heute noch gebraucht?

Integration ist eine Aufgabe, die einen langen Atem braucht. Da leistet das Bündnis nach wie vor sehr viel. Es kamen Gruppen dazu, die sich früher etwa beim Toleranten Brandenburg gar nicht so angesprochen fühlten, wie der ADAC.

Die Euphorie, Flüchtlingen helfen zu können, scheint nachgelassen zu haben.

Das Engagement ist nach wie vor sehr hoch. Aber natürlich ziehen sich auch Menschen zurück, etwa weil es weniger Flüchtlinge gibt, die Hilfe brauchen. Viele Kümmerer suchen sich neue Aufgaben. Und es gibt Menschen, die es nicht verkraften, wenn abgelehnte Asylbewerber zurückkehren müssen.

Welche Aufgaben gibt es in dieser Normalität noch zu bewältigen?

Die Geflüchteten ziehen allmählich in Wohnungen. Damit sie sich dort nicht alleingelassen fühlen, unterstützten wir sogenannte Tandems. Ehrenamtliche Begleiter bringen die Flüchtlinge etwa zu Ämtern, stehen ihnen mit Rat und Tat im neuen Alltag zur Seite. Formal müssten sie mit dem Einzug in eine Wohnung alleine zurechtkommen. Doch das ist fast immer illusorisch. In der Prignitz gibt es beispielsweise ein Gesamtkonzept für die Betreuung in den Wohnungen. Das ist der richtige Weg.

Wenn die Wohnung bezogen ist und die Ämterfragen geklärt sind, ist dann die Integration erfolgt?

Noch lange nicht. Wir beginnen jetzt damit, mehr Projekte zu fördern, die für Partizipation am gesellschaftlichen Leben werben. Es geht darum zu zeigen, welche Rechte die Geflüchteten in unserer Demokratie haben.

Inwieweit werden die Bemühungen beeinträchtigt durch einen ungeklärten Aufenthaltsstatus oder gar durch Rückführungen von Flüchtlingen?

Wir erleben immer wieder Enttäuschungen, wenn Entscheidungen gefällt werden, die die Helfer oder das soziale Umfeld nicht nachvollziehen können, geschweige denn die betroffenen Flüchtlinge. Die Verfahren müssen schneller abgeschlossen werden und nicht erst dann, wenn schon eine jahrelange Integration erfolgt ist.

Wir haben in Prignitzer Schulen Tandemprojekte, wo Flüchtlingskinder mit deutschen Freunden die Sprache des jeweils anderen lernen. Wenn da Kinder herausgerissen werden, ist das niemandem zu erklären.

Im Bündnis haben sich auch Kammern engagiert, verbunden mit der Hoffnung, unter den Flüchtlingen Arbeitskräfte zu finden.

Es gab große Erwartungen. Aber wir haben in Deutschland ein System mit vielen gut gemeinten und detaillierten Verordnungen. Jeder weiß, dass es keine schnellen Erfolge geben kann. Aber jetzt treten mit Blick auf die Erwartungen der Kammern die ersten Effekte ein.

Als das Bündnis gegründet wurde, gab es Brandenburger, die die Entwicklung mit Skepsis oder Ängsten verfolgten. Hat sich das geändert?

Viele Menschen erleben, dass sich die Situation entspannt hat. Aber es gibt natürlich Leute, die von dem vielen Geld reden, das die Flüchtlinge den Staat kosten. Laut Deutschem Institut für Wirtschaftsforschung und des Bundesfinanzministeriums waren das im Jahr 2016 fast
22 Milliarden Euro. Die sind aber wieder in den Wirtschaftskreislauf hier geflossen. Wenn Sie so wollen, ein großes Konjunkturprogramm, von dem unser Land profitiert.

Und die Arbeitslosenquote hat sich nicht erhöht. Sie ist weiter zurückgegangen, das Bruttoinlandsprodukt 2016 war um 1,9 Prozent höher als im Vorjahr. Natürlich sind immer noch Ängste vorhanden oder werden geschürt. Meine Erfahrung ist, dass die meisten Leute die Situation heute viel differenzierter sehen.

Ulrich Thiessen

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