Insel der verlorenen Träume

Aufbau einer Behelfsunterkunft im strömenden Regen. Der Verschlage aus acht Europlatten ist dabei schon die etwas „bessere“ Variante der Unterkunft, so Christoph Böhmer.
Aufbau einer Behelfsunterkunft im strömenden Regen. Der Verschlage aus acht Europlatten ist dabei schon die etwas „bessere“ Variante der Unterkunft, so Christoph Böhmer.

Eine Initiative aus dem Havelland möchte Einheimischen und geflüchteten auf Lesbos helfen, ihre verlorenen Träume wieder zu finden

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07. März 2020, 05:00 Uhr

Es ist vor allem das Schicksal der Kinder, dass sie berührt. Kathleen Kunath und Christoph Böhmer aus Falkensee wollen die Griechen und die Flüchtlinge auf Lesbos unterstützen. Dafür reisen sie nach Lesbos, auf der Facebook-Seite „Unterstützung Lesbos Havelland“ teilen sie ihre Erfahrungen.

Jasamin wurde im Iran geboren, ein Leben auf der Flucht, dass im Flüchtlingslager Moria ein zwischenzeitliches Ende fand. Camp Moria für 3000 Flüchtlinge gebaut, inzwischen hausen dort mehr als 20 000 Menschen. Hier wartete Jasamin auf eine Zukunft, die nichts, absolut nichts verspricht. Und dann beschloss sie, ihr junges Leben zu beenden. Als Jasamin den Entschluss fasst sich selbst das Leben zu nehmen war sie sechs Jahre alt. Sie hat überlebt, glücklich ist sie deshalb nicht.

Kathleen Kunath ist selbst Mutter. Die 47-Jährige ist niemand, die zuschaut oder wegsieht. Seit 2012 ist sie in der Flüchtlingshilfe aktiv, baute in Falkensee die Willkommensinitiative auf. Das Willkommen war nicht auf Menschen mit anderer Hautfarbe, anderer Sprache oder anderer Kultur beschränkt, es galt allen, die neu waren in der Stadt oder Hilfe benötigten. Seit dem Sommer 2015 ist Christoph Böhmer (53) bei der Willkommensinitiative. Kunath und Böhmer sind nicht nur durch den Wunsch des Helfens verbunden, sie haben sich auch privat gefunden. Im Laufe der Jahre haben sie vierzehn Jugendliche und junge Erwachsene mit Fluchtgeschichte in ihrem Haus aufgenommen. Inzwischen läuft die Willkommensinitiative auch ohne sie, aus Hilfesuchenden von einst wurden tatkräftige Helfende. „Hier braucht man uns immer weniger“, sagt Kunath. Weihnachten sprach Böhmer die Idee aus: „Lass uns dort helfen, wo die Not am Größten ist.“ Er meinte die Lager auf den griechischen Inseln.

Nur einige Wochen später sind sie dort, im Camp Moria. Sie reisten nicht allein, Kunaths Tochter, deren Freund und zwei iranische Freunde kommen mit. „Auf der Insel bemerkt man gar nicht, dass hier dieses riesige Lager ist. In den Städten ist das wie bei uns, man sieht hier und da Geflüchtete auf den Straßen. Was Moria ist, wofür der Name steht, das sieht man erst, wenn man auf diesem Berg steht“, sagt sie und zeigt Fotos. Ein Talkessel, an dessen Wänden sich Verschläge und Zelte aus notdürftig befestigten Planen entlangziehen. „Wir waren hier“, sagt Kunath und zeigt auf eine Art Hütte am Rand des wildwachsenden Elendsviertels. „Wenn wir das nächste Mal kommen, steht die Hütte wahrscheinlich mittendrin“, sagt Böhmer. Denn Moria wächst weiter, unkontrolliert, breitet sich das Camp aus.

Eine Behelfshütte haben Kunath, Böhmer und ihre Begleiter gleich am nächsten Tag aufgebaut. Im strömenden Regen, aus acht Euro-Paletten, Plane, Nägel und Flaschendeckel aus Plastik, die als Ösen umfunktioniert werden. „Damit hatten wir den Eignungstest bestanden“, sagt Kunath. Sie wünscht sich mehr Unterstützung für die Geflüchteten und die Einheimischen auf Lesbos. Was helfen könnte, so Kunath, wäre zunächst mal mit den Einheimischen reden. „Die sind inzwischen wie Fremde im eigenen Land“, sagt sie. Da kommen immer mehr Flüchtlinge und mit ihnen die Hilfsorganisationen. „Und manche von denen wollen den Griechen sagen, wo`s lang geht. Das kommt nicht gut an.“ Kunath sagt, man sollte die Griechen unterstützen und besser befähigen mit der Lage klarzukommen. Dazu sieht Kunath die Gefahren ein Co-Traumatisierung für die griechischen Inselbewohner, die dem Elend ausgesetzt sind, viel Schlimmes sehen, hören, Erleben ohne helfen zu können.

Den Tourismus auf Lesbos unterstützen wäre hilfreich, sagt Kunath. „Daran ist nichts falsch oder verwerflich. Im Gegenteil, damit können die Leute vor Ort unterstützt werden. Lesbos ist wunderschön, die Römer, die Perser haben Spuren hinterlassen“, gerät Böhmer ins Schwärmen. Das Meer hat nichts von seinem Zauber verloren. Das mag auf eine Weise unheimlich klingen, ob der vielen Toten, denen das Mittelmeer zur letzten Ruhestätte wurde. Es sind die Wellen des gleichen Meers, wie sie in der Türkei, auf Mallorca oder die am Strand von Saint Tropez das Wasser kräuseln. Für die Besitzer der Bars, Cafés und Hotels ist das Flüchtlings-Camp eine Katastrophe. Statt Touristen, die Souvenirs einkaufen und die Verführungen der einheimischen Küche genießen, sind nun die Helfer der NGOs unterwegs. Sie nutzen wenige touristische Angebote, haben andere Bedürfnisse.

Kunath und Böhmer sind vor allen von den vielen kranken Kindern erschüttert, deren Eltern oft jung und traumatisiert sind. Beim ersten Aufenthalt nahmen sie sich eines herzkranken Kindes an. „Ein Loch im Herz, das Kind muss dringend operiert werden“, sagt Kunath. Dafür müssten Kind und Eltern aufs Festland, nach Athen. Transport, Unterkunft für Eltern, müssen bezahlt werden. „Das schwierigste aber sind die Behördengänge und die unendlich vielen Formulare.

Die Griechen selbst sagen, sie überblicken die Fülle der Formulare nicht, klagen über zeitraubende Gänge von einem Amt zum nächsten. Und nun stelle man sich vor, man ist fremd im Land, spricht die Sprache nicht“, sagt Kunath. Sie sagt weiter, auch für Griechen gibt es Wartezeiten bei medizinischen Eingriffen. Sie befürchtet einen Konkurrenzdruck zwischen Einheimischen und Flüchtlingen bei der Vergabe von Untersuchungs- und Operationsterminen. Für dieses Kind sieht es derzeit gut aus, Kunath und Böhmer haben geholfen, die Papiere zu besorgen, haben die Kosten finanzieren können. Zum Operationstermin werden sie nach Athen fahren.

Derweil kümmern sich beide um Hanani. Die Kleine war zehn Tage alt, als Kunath und Böhmer sie zum ersten Mal sahen. Auch Hanani hat ein Loch im Herzen, auch sie müsste dringend operiert werden. Hananis neunzehnjährige Mutter und ihr ein Jahr älterer Ehemann sind mit der Situation überfordert, sagt Kunath, die für die Operation des neugeborenen Mädchen Geld sammelt.

Böhmer unterstützt eine auf Erwachsenenbildung spezialisierte „Zweite Chance Schule. Die Kapazität soll von 400 auf 800 Plätze erweitert werden. Böhmer sagt, ihm sei die große Anzahl sehr intelligenter junger Menschen in den Lagern aufgefallen. Diesen möchte er mit Bildung den Weg in ein besseres Leben ebnen.

Die Initiative auf Lesbos kann mit Spenden unterstützt werden. Bankverbindung: BIF Mittelbrandenburgische Sparkasse DE60 1605 0000 1000 723158

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