Dirigieren in Strausberg : In Taktfigur verpackte Emotionen

Alexander Saier (r.) von der Kreismusikschule im Landkreis Märkisch-Oderland gibt den Schülern (v. l. ) Luca Lämmerhardt, Lilly Lippert, Jakob Roggenbuck und Nele Zabel Dirigentenunterricht.
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Alexander Saier (r.) von der Kreismusikschule im Landkreis Märkisch-Oderland gibt den Schülern (v. l. ) Luca Lämmerhardt, Lilly Lippert, Jakob Roggenbuck und Nele Zabel Dirigentenunterricht.

Mit dem landesweit einmaligen Projekt will Alexander Saier seinen Nachwuchs-Dirigenten in Strausberg Selbstvertrauen vermitteln

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10. Februar 2018, 05:00 Uhr

Wenn Jakob Roggenbuck die Arme hebt und sie im Sechs-Achtel-Takt schwingt, geht der Zwölfjährige ganz in der Musik auf. Der Junge bewegt den ganzen Körper, schüttelt den langen, zur Seite gekämmten Pony und wirkt schon fast wie ein Profi. „Du hast den Charakter des Piraten Jack Sparrow schon gut erfasst“, lobt Musiklehrer Alexander Saier. Jakob hat sich ein Musikstück aus der Filmreihe „Fluch der Karibik“ ausgesucht. Wenn er dirigiert, soll das Orchester auch so spielen, wie der Nachwuchs-Musiker die Komposition interpretiert. Und das will geübt sein.

Spätestens beim Festkonzert zum 125-jährigen Jubiläum der Straßenbahn Strausberg (Märkisch-Oderland) im August dieses Jahres soll das Ganze funktionieren. Saier, auch Geschäftsführer der Kreismusikschule in Strausberg, ist zuversichtlich. Schließlich sind Jakob und die fünf anderen Musikschüler des ortsansässigen Fontane-Gymnasiums keine Anfänger mehr. „Sie wissen, wie sie ein Orchester gestisch und mimisch leiten“, sagt Saier und verweist auf ein Premieren-Konzert aus der vergangenen Vorweihnachtszeit, „bei dem die Bürgermeisterin Tränen in den Augen hatte“ und der Musiklehrer anschließend jede Menge Schulterklopfen bekam.

Vor einem Jahr hat der 40-Jährige das Projekt „Jugend dirigiert“ in Strausberg gestartet. Erfahrungen hat er bereits in Berlin gesammelt. Zwei seiner Schüler in der Hauptstadt schafften sogar die Aufnahmeprüfung im Dirigieren an der Musikhochschule, berichtet er stolz.

„Jugend dirigiert ist ein neuartiges Konzept in der Mark, das das Selbstwertgefühl der Nachwuchsmusiker stärkt und eine gute Erfahrung ist“, lobt Katja Bobsin vom Verband der Brandenburger Musik- und Kunstschulen. Beim Dirigieren würden die Mädchen und Jungen merken, dass Noten keine starre Sache seien, sondern unterschiedlich interpretiert werden können, sagt sie. „An der Reaktion des Orchesters merkt der Dirigent, wie er als Persönlichkeit so ankommt“, ergänzt Saier, der bei den Proben mit den Musikschülern stets eine erfahrene Orchestermusikerin an seiner Seite hat.„Sicher können Kinder das Dirigieren nicht wie ein erwachsener Profi erlernen. Doch sie erfahren, was Teamarbeit heißt, was Verantwortung übernehmen bedeutet und wie sie sich selbst am besten präsentieren“, ist der gebürtige Breisgauer überzeugt. Er habe seinen Schülern etwas mitgeben wollen, was sie im späteren Leben gebrauchen können, sagt Saier, dem von Eltern und anderen Pädagogen bereits positive Effekte berichtet wurden: Seine Nachwuchs-Dirigenten meldeten sich jetzt häufiger im Unterricht zu Wort, sind selbstbewusster, trauten sich mehr zu.

Zunächst setzen die Schüler ihre Gedanken zur Musik verbal um, erst dann werden die Noten genauer betrachtet und die Schlagfiguren für den Takt geübt. Jeder müsse seine eigene „Lesart“ entwickeln, sagt der 40-Jährige. „Ganz wichtig sind schon die ersten Sekunden, wenn du auf das Podium steigst“, erzählt Nele Zabel. Die 16-Jährige spielt bereits seit Jahren Geige im Strausberger Jugendsinfonieorchester und kennt sich aus. Da sie später Berufsmusikerin werden möchte, sei das Dirigieren sicher keine schlechte Erfahrung, meint Nele und bestätigt damit die Ambitionen ihres Lehrers.

„Diese Erfahrung des ersten Eindrucks, der Wirkung auf andere nutzen sie später bei Bewerbungsgesprächen“, macht der Musiklehrer deutlich, der in Berlin nicht nur erste Erfahrungen mit immerhin 60 Schülern sammeln, sondern auch finanzkräftige Unterstützer für einen Förderverein gewinnen konnte. Er knüpfte vor drei Jahren zudem Kontakte zur 2013 gegründeten Jungen Philharmonie Berlin, deren künstlerischer Direktor er inzwischen ist. Die 68 Profimusiker haben sich auf junge, unerfahrene Dirigenten eingestellt und bestreiten die Konzerte von „Jugend dirigiert“.

Saier unterrichtet inzwischen 32 Dirigenten-Schüler aus dem Landkreis Märkisch-Oderland – vom Anfänger bis zum Fortgeschrittenen. Die meisten von ihnen spielen bereits ein Instrument, so wie Jakob, der Klavier und Gitarre für sich entdeckt hat. Das Dirigieren sei noch mal eine ganz andere, „coole“ Sache. „Du hast ein ganzes Orchester unter Kontrolle. Das hört und sieht man“, meint der sichtlich begeisterte Junge.

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