Am Rande des Oderbruchs : In Neuhardenberg nicht vergessen

Dietmar Zimmermann, Vereinsvorsitzender vom Heimatverein Neuhardenberg e.V., zeigt eine Nachbildung eines Ortseingangsschildes.
Dietmar Zimmermann, Vereinsvorsitzender vom Heimatverein Neuhardenberg e.V., zeigt eine Nachbildung eines Ortseingangsschildes.

41 Jahre hieß der Oderbruchort Marxwalde. Der Heimatverein will anlässlich des 200. Geburtstags des Philosophen daran erinnern

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17. April 2018, 05:00 Uhr

Karl Marx ist in Neuhardenberg nicht vergessen. Zu Füßen eines Denkmals am nördlichen Ende des Dorfangers steht ein Korb mit frischen Frühlingsblühern. „Er wäre jetzt 200 Jahre alt geworden. Zu seinem Geburtstag am 5. Mai veranstalten wir deshalb ein Geschichtsforum“, sagt Dietmar Zimmermann, Vorsitzender des Neuhardenberger Heimatvereins. Auch wenn der Theoretiker des Kommunismus nie in dem geschichtsträchtigen Ort am Rande des Oderbruchs östlich von Berlin gewesen ist, gehört er laut Zimmermann doch zur Historie Neuhardenbergs.

Denn das ehemalige Gut Quilitz, das Preußenkönig Friedrich Wilhelm III. im Jahr 1814 seinem Staatskanzler Karl August Freiherr von Hardenberg geschenkt hatte und das daraufhin zu Neu-Hardenberg wurde, war 1949 in Marxwalde umbenannt worden. Wer genau dafür verantwortlich war, ist laut Hobbyhistoriker Zimmermann nicht überliefert.

„Fest steht, dass es ein paar aktive Kommunisten gab, die den Junkernamen Hardenberg auslöschen wollten“, sagt der 57-Jährige. Der Gemeinderat sei so lange „bearbeitet“ worden, bis sich für die Umbenennung eine Mehrheit fand, erzählt Vereinsmitglied Lothar Banse, nach dessen Recherchen auch die Namen Thälmannfelde oder Engelshagen im Gespräch waren. Die Dorfbevölkerung war laut Zimmermann gegen eine Umbenennung, wurde jedoch nicht gefragt. 41 Jahre lang sollte der Ort den Namen behalten.

Dabei hätten die neuen Machthaber nach 1945 stolz auf die Bezeichnung Neuhardenberg sein können. Gehörte der letzte adelige Schlossherr, Carl-Hans Graf von Hardenberg, doch zu den Hitler-Attentätern vom 20. Juli 1944, saß dafür sogar im Konzentrationslager. Doch die DDR-Führung sah keinen Grund, die noch von den Nationalsozialisten vorgenommene Enteignung der Hardenbergs zurückzunehmen. Im Gegenteil: Als sich die Familie 1958 nach dem Tod des Grafen darum bemühte, seine sterblichen Überreste in Marxwalde beisetzen zu lassen, lehnte der damalige Bürgermeister Karl Linse ab: „Wir wollen weder die Junker, noch ihre Asche wiederhaben.“ Rückgängig gemacht wurde die Umbenennung des Ortes erst in Wendezeiten 1990, als auch aus dem sächsischen Karl-Marx-Stadt wieder Chemnitz wurde.

Und so findet sich noch heute jede Menge Marx in dem 2600-Einwohner-Dorf: Die Ortsdurchfahrt heißt noch immer Karl-Marx-Allee, im Dorfmuseum gibt es alte Marxwalde-Schilder und natürlich das Denkmal des Philosophen auf dem Dorfanger. Kaum bekannt ist, dass es sich bei der Büste des bekannten DDR-Bildhauers Fritz Cremer um das mittlerweile dritte Karl-Marx-Denkmal in Neuhardenberg handelt. „1953 war das erste aufgestellt worden, eine schlecht gebrannte Tonbüste, die nicht lange hielt“, hat Zimmermann recherchiert. Das zweite Denkmal aus Stein wurde 1968 im Schlosspark aufgestellt und stand dort wohl bis 1987. Anschließend wurde der Dorfanger im Zuge der Arbeiterfestspiele neu gestaltet und die Fritz-Cremer-Büste aus Bronze dort aufgestellt.

Das Vorgängermodell befindet sich laut Zimmermann heute in Nordrhein-Westfalen. „Mitarbeiter eines Ingenieurbüros, das hier mal tätig war, haben es 1993 mitgenommen. Dafür gibt es Augenzeugen“, sagt der Hobbyhistoriker, der 1983 als Armeeangehöriger nach Marxwalde gekommen war. Ursprünglich sollte der Ort mit der Umbenennung zu einem „sozialistischen Musterdorf“ umgestaltet werden. 1959 aber entdeckte die Nationale Volksarmee den Standort für sich.

Der Flugplatz, auf dem die DDR-Regierungsstaffel stationiert war, unterlag strengster Geheimhaltung. Für den gebürtigen Sachsen Zimmermann gehört Marx zur Geschichte des Dorfes. „Wenn unser Ort nach ihm benannt war, soll man hier auch wissen, wer er war.“ Die Vergangenheit unter dem Namen Marxwalde sei bei vielen Bewohnern längst vergessen, muss der Vereinsvorsitzende zugeben, auch wenn Ortsvorsteher Mario Eska (Die Linke) das Gegenteil behauptet. „Interesse gibt es vor allem bei Leuten von außerhalb, die uns sogar Leihgaben für unsere Marx-Sonderausstellung im Heimatmuseum zur Verfügung gestellt haben“, so Zimmermanns Erfahrung. Beim Geschichtsforum am 5. Mai im Schlosses soll es darum gehen, welche Bedeutung der Philosoph heute noch hat, sagt er. Das Baugeschehen und die Entwicklung des Ortes in den 1960er- und 70er-Jahren stehen im nächsten Jahr im Mittelpunkt, dann feiert der Verein „70 Jahre Marxwalde“.

Auch die Stiftung Stift Neuhardenberg, die das Schlossensemble derer von Hardenbergs als Kunst- und Kulturstätte betreibt, greift den 200. Marx-Geburtstag aufgrund des historischen Bezuges zum Ort auf, sagt Sprecherin Susanne Kumar-Sinner. „Schauspieler Boris Aljinovic ist am 28. April als ,Marx in Soho’ im gleichnamigen Stück von Howard Zinn zu erleben – um 18 Uhr im großen Saal des Schlosses.“

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