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Brandenburg

23. September 2017 | 06:00 Uhr

Interview : „In einer Art Komazustand“

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Der Wissenschaftler Axel Liebscher glaubt, dass die Kohlendioxid-Speicherung eine Zukunft haben kann.

svz.de von
erstellt am 13.Sep.2017 | 05:00 Uhr

Es war eines der umstrittensten Forschungsprojekte in Brandenburg: die Lagerung von Kohlendioxid in der Erde (CCS). Nach 13 Jahren endet der Versuch. Ina Matthes sprach mit Dr. Axel Liebscher, Leiter der Sektion Geologische Speicherung am Geoforschungszentrum GFZ in Potsdam.

Herr Liebscher, wie groß ist das Interesse der deutschen und internationalen Wissenschaftler an CCS?

Axel Liebscher: National ist das Interesse zurückgegangen, sowohl in der Öffentlichkeit als auch in der Wissenschaft. Doch das internationale Interesse ist weiterhin sehr groß, besonders in den USA, in Kanada, Norwegen, Australien, China oder Japan.

Lässt sich CO2 sicher und dicht lagern – was sind Ihre Erfahrungen nach 13 Jahren?

Für den Standort Ketzin kann man sagen, dass die Speicherung dort sicher ist. Wenn ein Standort gut ausgesucht und erkundet ist und gut überwacht wird, kann man die Speicherung sicher umsetzen.

Wie lange lässt sich Kohlendioxid im Gestein speichern?

Wir haben die Speicherung in Ketzin fünf Jahre während der Einspeicherphase und anschließend noch weitere vier Jahre überwacht. Für Ketzin reicht das aus, um zu sagen, dass die Speicherung sicher ist. Der große Vorteil bei der CO2-Speicherung ist, dass mit dem Ende der Injektion des Gases in das Gestein das Risiko einer Leckage Jahr für Jahr abnimmt. Unter anderem, weil der Druck im Gestein nachlässt, da sich das Kohlendioxid im Wasser löst und schließlich ausfällt, also mineralisiert. Wir können das an Orten wie Ketzin für 500 Jahre und auch mehr prognostizieren, dass sie dicht sind.

Es gab in der Öffentlichkeit Bedenken, dass das Grundwasser belastet werden könnte…

Die Sorge bezog sich vor allem darauf, dass das Gas im Untergrund Salzwasser verdrängt, welches dann in Grundwasserleiter vordringt und Trinkwasser versalzt. Dafür haben wir in Ketzin keine Hinweise gefunden. Wir haben aber nur wenig CO2 eingesetzt. Auf alle Fälle gibt es die Technologie, um solche Gefährdungen auch bei großen Speichern zu überwachen und bei Bedarf schnell reagieren zu können.

CCS-Gegner kritisieren, dass das klimaschädliche Verbrennen von Kohle mit diesem Verfahren weiter befördert wird. Wie sehen Sie das?

Das war zu Beginn von CCS vor mehr als zehn Jahren so, dass das Verbrennen fossiler Energieträger im Vordergrund stand. Das hat sich geändert. Denn es gibt auch CO2-Emmissionen in der Zement- und Stahlindustrie oder der Chemie die sich prozessbedingt nicht verhindern lassen. CCS ist hier die einzige Möglichkeit, den Ausstoß des schädlichen Klimagases zu senken.

In Deutschland hat sich die Politik von der CO2-Speicherung distanziert. Ist CCS hierzulande tot?

Es ist nicht tot, es befindet sich in einer Art Komazustand. Im Moment sieht es so aus, dass wir unsere Klimaziele in Deutschland nicht erreichen werden. Wenn wir das aber doch schaffen wollen, wird die Speicherung von Kohlendioxid auch wieder auf die Tagesordnung kommen. Nicht in Bezug auf Kohle, aber in Bezug auf den CO2–Ausstoß in der Industrie zum Beispiel.

Und international?

Da ist CCS nicht tot, da gibt es Länder, die das engagiert betreiben – wie die eingangs genannten, Norwegen, Kanada oder China zum Beispiel.

Haben Sie auch untersucht, ob sich das Verfahren wirtschaftlich betreiben lässt?

Nein, das haben wir in Ketzin nicht getan, da es sich um einen Pilotstandort handelt, der unter anderen Bedingungen arbeitet als eine Industrieanlage. Es gibt Untersuchungen und Abschätzungen zu diesem Thema. Die Speicherung hat den geringsten Anteil an den Kosten. Vor allem die Abscheidung von Kohlendioxid aus den Abgasen ist teuer.

Jede Technologie hat Risiken. Wo sehen Sie die vor allem bei CCS?

Man muss die Speicher gut überwachen, um Leckagen früh zu erkennen, damit das Kohlendioxid nicht an die Luft oder in Grundwasserleiter gerät. Die größte Gefahr solcher Leckagen besteht an den Bohrungen selbst. Die können wir aber gut kontrollieren.

Wie geht es in Ketzin jetzt weiter?

Wir haben von insgesamt fünf Bohrungen drei bereits mit Zement verfüllt, die anderen beiden werden voraussichtlich bis Ende Oktober verschlossen sein. Bis Ende des Jahres sollen alle Anlagen abgebaut sein. Dann sieht man hier wieder eine grüne Wiese, so wie es vorher war.

Das Gas bleibt in der Erde?

Ja, das Projekt zielt auf eine dauerhafte Lagerung ab.

Wird die Lagerstätte weiter beobachtet?

Nein, wir haben das vier Jahre lang getan und festgestellt, dass das Gas da bleibt, wo wir es hineingepresst haben. Der Speicher hat einen stabilen Zustand erreicht. Er ist sicher.

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