Zurück in Bad Freienwalde : In der Fremde nie richtig heimisch

Detlef Malchow vor der früheren Scheune des Vierseitenhofs in Bad Freienwalde, den sein Großvater Wilhelm Malchow begründete. Dessen Initialen ließ der Enkel wieder anbringen.
Detlef Malchow vor der früheren Scheune des Vierseitenhofs in Bad Freienwalde, den sein Großvater Wilhelm Malchow begründete. Dessen Initialen ließ der Enkel wieder anbringen.

Detlef Malchow kam aus Düsseldorf zurück, baute den Wildpark Schorfheide auf und engagiert sich kommunalpolitisch

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08. Dezember 2018, 05:00 Uhr

Es gibt viele Gründe nach Brandenburg zurückzukehren oder als Zuzügler ein neues Leben zwischen Prignitz, Uckermark, Fläming und Lausitz zu beginnen. Detlef Malchow (67) aus Bad Freienwalde ging diesen Weg.

Obwohl Detlef Malchow 1951 im alten Krankenhaus in Bad Freienwalde (Märkisch-Oderland) das Licht der Welt erblickte, kannte er die Stadt nur aus Erzählungen seiner Eltern. Als er anderthalb Jahre alt war, flohen sie mit ihm und dem ein Jahr älteren Bruder Helge nach Düsseldorf.

Malchows Vater bewirtschaftete einen Vierseitenhof in Bad Freienwalde-Alttornow mit 20 Hektar eigenem und 60 Hektar gepachtetem Land. „Der Prozess der Kollektivierung wurde damals intensiviert“, so Detlef Malchow. Abgaben und Belastungen stiegen, der Vater sei politisch bedrängt worden, in die LPG zu wechseln. „Daher sah er keine Perspektive mehr für sich“, sagt Malchow. Sein Vater sei kein Großgrundbesitzer, aber ein großer Bauer gewesen, der von Milchwirtschaft, vom Anbau von Kartoffeln, Gemüse und Rüben lebte. Auch die Nachbarn seien Bauern gewesen und  flohen. Zurück blieb Großvater Wilhelm Malchow, der den Hof begründet hatte und dessen Initialen sich noch dort befinden. Er starb 1954, ein Jahr nach der Flucht seines Sohnes.

Weil er im Westen kein  Land besaß, sattelte Malchows Vater um und wurde kaufmännischer Angestellter. Mit Automaten, die er in Gaststätten aufstellte, fand er zu bescheidenem Wohlstand und kaufte sich wieder ein Haus. Wo Bad Freienwalde liegt, konnte sich in der neuen Heimat niemand vorstellen. „Mein Vater ärgerte sich, weil er immer gefragt wurde, ob es dort Wölfe gibt. Die dachten, Bad Freienwalde liegt irgendwo in russisch Polen“, erinnert sich Malchow. Ironie der Geschichte: Jetzt gibt es tatsächlich Wölfe. Der Vater schwärmte von der Kur- und Bäderstadt. Detlef Malchow war mit 13 Jahren zu Besuch bei Verwandten in Altranft oder in Bernau, mit der alten Heimat verband ihn nichts.

Erst nach dem Fall der Mauer sollte er zurückkehren. Sein Vater erlebte das Ende der DDR nicht mehr. Er starb ein halbes Jahr vorher. Malchow kam zunächst nur, um Hof und Land der Familie rückübertragen zu lassen. Dies habe innerhalb nur eines Monats funktioniert. „Eigentlich wollte ich nur ein Jahr bleiben, jetzt sind es fast 30 Jahre“, sagt er nachdenklich. Der Hof war völlig heruntergekommen, die Dächer nur notwendig gedeckt. Jeder Windstoß legte etwas mehr frei. „Für eine LPG war er zu klein, deshalb hatte sie ihn längst aufgegeben“, so Malchow. Es war wohl Unternehmergeist, der ihn hielt. Malchow sanierte den Hof, richtete Büros ein und bot darin zunächst Weiterbildungen an. Schließlich musste er die Sanierung refinanzieren.

Danach betrieb er sieben Jahre ein Callcenter als Dienstleister einer Hamburger Betriebskrankenkasse. Der Naturliebhaber erfüllte sich einen Traum, als er  1991 auf eigenem Land den Wildpark Schorfheide in Groß Schönebeck gründete, den er als alleiniger Gesellschafter ohne Fördermittel aufbaute.

Haupteinnahmequelle war und ist der Export von Industriewaren nach Russland und in die Gemeinschaft unabhängiger Staaten. Aktuell sind es Schutzketten für Radlader mit riesigen Rädern und Graphitelektroden für Stahlwerke, die kein Eisenerz, sondern ausschließlich Schrott verarbeiten.

Malchow ist Betriebswirt, spricht fließend Russisch und unterhält Büros in Kasachstan und Sibirien. In den siebziger Jahren wollte er Lehrer werden und studierte Russisch und Geschichte in Köln. Später sattelte er zum Betriebswirt um.

Obwohl das Rheinland seine Zunge prägte, fühlte er sich nie ganz heimisch. Die ersten Jahre galt er als Flüchtling.  „Wenn der Kölner Karneval den Höhepunkt erreichte, bin ich immer nach Kasachstan geflüchtet“, erzählt er. Heute ist er dann in Bad Freienwalde anzutreffen.

Malchow engagiert sich nun auch politisch in seiner Heimatstadt, die sich nach seiner Auffassung in den vergangenen 20 Jahren zu langsam entwickelt hat. Er stellte sich vor zwei Jahren an die Spitze einer Bürgerinitiative, die erfolgreich die Rückzahlung der Altanschließerbeiträge gefordert hat. Jetzt hat er mit anderen eine Wählervereinigung gegründet, um zur nächsten Kommunalwahl mitzumischen. „Wenn man etwas verändern will, reicht es nicht Reden zu halten, man muss an den Tisch im Ratssaal“, sagt er. Ruhe findet Malchow in den Oderwiesen, die der Ornithologe mit Fernglas und Kamera durchstreift. Mit den Zugvögeln kann er sich identifizieren. Denn seine Frau, eine waschechte Kölnerin und die beiden jetzt erwachsenen Kinder, konnte er nicht zum Umzug nach Bad Freienwalde bewegen. Deshalb pendelt er zwischen alter und neuer Heimat.


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