Frankfurt (Oder) : Im Güterwaggon werden die Fluchtgeschichten lebendig

Die Premiere des Stückes „FLUCHT-UCIECZKA“ in Frankfurt (Oder)
Die Premiere des Stückes „FLUCHT-UCIECZKA“ in Frankfurt (Oder)

Deutsche und polnische Schauspieler sprachen mit Zeitzeugen aus dem Zweiten Weltkrieg über ihre Flucht

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05. August 2016, 05:00 Uhr

Theaterbesucher müssen Gleise überqueren, um zu den Plätzen zu kommen. Nacheinander betreten sie vier Güterwaggons. Dort stehen Bänke. Die Türen werden verschlossen – es macht rums. Kaum Licht gelangt durch die Ritzen. In der Stille sind nur die Stimmen der Schauspieler zu hören, die Fluchtgeschichten aus dem Zweiten Weltkrieg erzählen. Das mehrsprachige Doku-Stück „Flucht-Ucieczka“ hatte am Mittwochabend in Frankfurt (Oder) Deutschlandpremiere.

Schauspieler der niedersächsischen Theatergruppe „Das Letzte Kleinod“ und des polnischen Theaters Gdynia Glówna touren mit einem Zug durch Deutschland und Polen. Auf Bahnhöfen koppeln sie die Waggons als Spielort ab. Bis zum 26. August ist das mehrsprachige Stück unter anderem in Berlin, Lüneburg, Hannover und Bremerhaven zu sehen. Vor der Deutschlandpremiere wurde es an polnischen Orten aufgeführt. Im Nachbarland sprachen die Darsteller meist Polnisch und kaum Deutsch. In Deutschland ist es umgekehrt.

Sechs Darsteller und zwei Musiker beleuchten in rund 70 Minuten mehrere Fluchtgeschichten vor und in den Waggons. Sie werden parallel erzählt. Es geht zum Beispiel um einen russischen Soldaten, dann wieder um ein polnisches Mädchen in einem Kinderheim. Die Geschichten basieren auf Gesprächen mit Zeitzeugen in Polen, Russland und Deutschland.

Wie viel Fiktion ist dabei? Regisseur Jens-Erwin Siemssen („Das Letzte Kleinod“) sagte: „null“. Alles hätten die Zeitzeugen so erzählt. „Die Interviews fanden oft unter Tränen statt.“ Da gibt es die Geschichte eines Mädchens, dem die Mutter untersagt, sich mit den Kriegsgefangenen abzugeben. „Da hab' ich dem einen einen Apfel zugesteckt - durch den Drahtzaun.“ Es sind kleine Alltagsgeschichten mit Gefühlen und Hoffnung.

Das Ganze wird immer wieder harsch unterbrochen: Darsteller imitieren Flugzeuge, die über das Gelände fliegen. Vor Schreck ducken sich die anderen. Als die Zuschauer in den Waggons sitzen, wird von außen dagegengeschlagen. Dann gehen die Türen auf, es wird geschrien: „Aussteigen!“ Die Zuschauer gehen von Waggon zu Waggon und hören die Schicksale. Es fallen Sätze wie „Das Schlimmste waren die Nächte, wenn die Frauen geholt wurden“, „Es war bitterkalt“ und „Wir hatten nur das, was wir anhatten“. „Wir wollen nicht politisch erzählen, sondern den Alltag beleuchten“, betonte Siemssen.

Nach der Premiere sind viele Zuschauer still. „Bewegend“ und „beeindruckend“ beschreiben einige das Gefühl, mitten im Geschehen zu sitzen. „Das nimmt einen mit“, sagt eine Frau.

In polnischen Medien wurde das Stück wegen der Darstellungsform als Dokumentar-Theater gelobt. Das verleihe dem Stück zusätzliche Qualität, schrieb etwa die Zeitung „Gazeta Wyborcza“.

Die seit den 1990er Jahren bestehende niedersächsische Theatergruppe „Das Letzte Kleinod“ spielt an ungewöhnlichen Orten und plant schon das nächste Stück. Es geht um syrische Flüchtlinge in Deutschland. Die Gruppe erhielt Anfang 2016 den Theaterpreis des Bundes.  

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