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mit 77 im Uhruhestand : „Ich habe keine Zeit zu altern“

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

„Das ist ein Schlaguhrwerk“, erläutert Hellert, „bis zum Zweiten Weltkrieg brachte es die Kirchenglocken alle halbe Stunde zum Klingen.“ Gefunden hat der Wahl-Wulkower das Uhrwerk vor Jahren auf dem Dachboden der 1687 erbauten Fachwerkkirche.

Eine seltsam anmutende Eisenkonstruktion aus Zahnrädern, Wellen und Verstrebungen steht auf dem Arbeitstisch von Peter Hellert. Der 77-Jährige hat sich in einem Nebenraum der denkmalgeschützten Dorfkirche von Wulkow (Märkisch-Oderland) eine kleine Werkstatt eingerichtet mit Schraubstock, Schrauben- und Ersatzteilkästen. Es gibt Regale voller Werkzeug und sogar ein Mikroskop. Der Ort ist gut gewählt, denn die rostige, fast zwei Zentner schwere Konstruktion stammt ursprünglich aus dem Kirchturm. „Das ist ein Schlaguhrwerk“, erläutert Hellert, „bis zum Zweiten Weltkrieg brachte es die Kirchenglocken alle halbe Stunde zum Klingen.“

Gefunden hat der Wahl-Wulkower das Uhrwerk vor Jahren auf dem Dachboden der 1687 erbauten Fachwerkkirche, sorgsam versteckt unter alten Holzschindeln. Vermutlich, sagt Hellert, ist es das älteste seiner Art in Brandenburg. „Ich habe eine Signatur von 1733 entdeckt. Außerdem gibt es an dem Uhrwerk keinerlei Schrauben, sondern lediglich Metallsplinte. Ein Hinweis darauf, das es zu seiner Entstehungszeit noch gar keine Schrauben gab“, erklärt er.

Das Uhrwerk bestimme die Häufigkeit und Anzahl der Glockenschläge. Es müsse allerdings regelmäßig aufgezogen und gewartet werden. „Vermutlich ist es deshalb damals ausgebaut worden, weil sich dafür keiner zuständig fühlte“, glaubt der leidenschaftliche Tüftler.

Eigentlich ist Hellert Tonstudiotechniker. 40 Jahre lang arbeitete er in seinem Beruf am Kleist-Theater Frankfurt (Oder). Schon damals konnte Hellert die Finger nicht stillhalten, reparierte alles, was in einem Theaterbetrieb so anfiel. Als das Theater Jahre nach der Wende geschlossen wurde, ging Hellert offiziell in den Ruhestand.

Ehrenamtlich aber reparierte und wiederbelebte er viele Exponate für das Frankfurter Museum „Viadrina“. So hat er 14 Stücke aus der Sammlung historischer Musikinstrumente wieder zum Klingen gebracht. „Hellert war für uns aufgrund seiner vielseitigen technischen Kenntnisse jahrelang eine wertvolle Stütze. Er hat handwerklich gesehen goldene Hände, ist aber kein Restaurator“, sagt Museumsdirektor Martin Schieck. Ohne ehrenamtliche Helfer, fügt er hinzu, wäre die Museumsarbeit für die drei hauptberuflichen Mitarbeiter im Haus gar nicht machbar. Vier dieser Freiwilligen habe das Museum aktuell. Hellert jedoch, so rät Schieck, sollte nun endlich seinen Ruhestand genießen. „Das kann ich nicht, denn durch die Arbeit habe ich keine Zeit zu altern“, meint der gebürtige Thüringer verschmitzt lächelnd. Die Beschäftigung mit Mechanik sei keine bloße „Friemelei“, sondern stets auch geistige Herausforderung. So tüftelt und berechnet Hellert derzeit, wie groß und schwer wohl das verschwundene Turmuhr-Gewicht war, das einst an einem Seil unter dem Schlagwerk hing und den Mechanismus der Uhr erst auslöste.

In anderthalb Jahren will der 77-Jährige das Schlaguhrwerk wieder zum Laufen bringen - zu Schauzwecken für Besucher der Kirche und des Ökodorfes Wulkow. Bis dahin muss er dem Rost weiter zu Leibe rücken, die mechanischen Funktionen wieder herstellen, sowie Stunden- und Sekundenrad neu eichen.

Vor allem aus statischen Gründen dürfte die Konstruktion wohl nie an ihren angestammten Platz auf dem Kirchturm zurückkehren. Ein sichtbares Ziffernblatt hat es dort nach den Recherchen Hellerts ohnehin nie gegeben. Zudem fände sich auch jetzt niemand, der die Uhr in luftiger Höhe regelmäßig aufziehen würde. „Ich werde ein Gestell bauen, dann kann jeder das Schlaguhrwerk in meiner Werkstatt aus der Nähe betrachten und erfahren, wie früher die Zeit gemessen wurde“, sagt Hellert. Er führt Besucher gern durch die kleine Kirche. Christ zu sein, bedeutet für ihn vor allem diese ehrenamtliche, praktische Arbeit.

Mit Kirchturmuhren kennt er sich schon seit vielen Jahren aus, insgesamt vier hat er bereits erfolgreich repariert. „Diese Zeitmesser reizen mich immer wieder, einfach weil sie zumeist viel Erfindergeist belegen“, sagt der Rentner im Unruhestand.

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