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Morgens schwimmen können : „Hurra, ich kann schwimmen“

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Wie eine 49 Jahre alte Brandenburgerin die Ängste aus ihrer Kindheit überwunden hat

svz.de von
erstellt am 11.Jul.2017 | 05:00 Uhr

Jeder zweite Erwachsene in Deutschland kann laut einer Umfrage kaum oder gar nicht schwimmen. Cordula Schober aus Eichwalde gehörte dazu – bis sie vor wenigen Wochen von einer besonderen Aktion des Berliner Rundfunks erfuhr. Inzwischen dreht sie schon allein kleine Runden auf dem Zeuthener See.

Anfang Juni war Cordula Schober gerade in Berlin unterwegs, als sie im Autoradio davon hörte, dass der Berliner Rundfunk einen Schwimmkurs für Erwachsene organisiert. „Ich bin sofort rechts rangefahren und habe dort angerufen“, erzählt die 49-Jährige aus Eichwalde im Kreis Dahme-Spreewald. „Es war ein Blitzgedanke: Jetzt lerne ich endlich schwimmen.“

Mit der Aktion traf der Berliner Rundfunk offenbar einen Nerv. Als Erwachsener nicht schwimmen zu können, ist ein Tabu-Thema. „Auf unseren Aufruf meldeten sich sehr viel mehr Leute als wir Kursplätze hatten“, erzählt Doro Manz, die Sprecherin des Senders. Die besondere Konstellation erleichterte auch Cordula Schober jenen Schritt, den sie lange nicht machen wollte. „Mir war klar, dass ich in dem Kurs nicht allein bin mit meinem Problem.“

Cordula Schober, gelernte Pflegedienstleiterin, ist eine lebensfrohe Frau, die viel lacht, wenn sie von sich erzählt. Mit ihrem Mann bewohnt sie ein Haus am See. Wenn er im Sommer täglich schwimmen geht, bleibt sie im flachen Wasser und schaut ihm hinterher. „Ich wollte schon auch rausschwimmen, habe mir dann aber immer gesagt, naja, es geht eben nicht.“ Wenn andere ihr sagten, sie könne es doch jetzt noch lernen, winkte sie ab.

Zwei Erlebnisse in der Kindheit haben ihr ein dauerhaftes Gefühl der Angst beschert, nicht vor Badeseen an sich, aber vor tiefem Wasser. Als Kleinkind ist sie einmal am See im knöcheltiefen Wasser umgefallen und hat für kurze Zeit keine Luft bekommen. Später, als sie neun Jahre alt war und sich mit dem Schwimmenlernen schwer tat, wollte ihre Schwester unsanft nachhelfen und schubste sie im tiefen Wasser von der Luftmatratze. Ein Badegast rettete Cordula Schober.

Durch den schulischen Schwimmunterricht am Senftenberger See, wo sie aufgewachsen ist, schummelte sie sich durch. „Ich wusste, wo es so flach war, dass ich mich immer wieder mit den Füßen abstoßen konnte.“ Eine Schwimmstufe gab es für diese Leistung allerdings zu Recht nicht. Als Teenager fiel ihre Schwäche kaum auf. „Da wurde im Wasser getobt, nicht geschwommen. Ich war also immer dabei.“ Und dann hatte sie mit dem Thema für sich abgeschlossen. „Wir haben ganz normal Badeurlaub gemacht, und ich bin im Flachen geblieben.“ Als ihr Sohn klein war, wurmte sie allerdings ein Gedanke: „Wenn ihm im Wasser etwas passieren sollte, kann ich ihn nicht retten.“

Cordula Schober erzählt freimütig davon, weil sie ihre Schwäche inzwischen überwunden hat. So fand sie es insgeheim ärgerlich, dass sie seit sieben Jahren direkt am Wasser wohnt, aber nicht schwimmen kann. Deshalb kam der kostenlose Kurs des Berliner Rundfunks wie gerufen. „Ich bekam einen Platz, habe mich riesig gefreut, aber vor der ersten Stunde war die Angst noch einmal da.“ Auch der Geruch in der Schwimmhalle habe sie abgeschreckt, weil er unschöne Erinnerungen weckte.

Aber dann waren da eine verständnisvolle Schwimmlehrerin und eine Gruppe, „in der einige richtig Panik vor Wasser hatten“. Cordula Schober erzählt von einem 25-Jährigen, der den Schwimmunterricht in der Schule krankheitsbedingt verpasste und von einer jungen Mutter, die ein Trauma hatte, nachdem sie als Kind von einer Welle am Meer erfasst worden war. Sie alle trauten sich jetzt.

„Es hat mir von Anfang an Spaß gemacht“, berichtet Cordula Schober stolz. Sie merkte, dass sie die Bewegungen schon einmal vermittelt bekommen hatte. Das beschleunigte den Lernprozess. „Beim zweiten Mal habe ich schon eine halbe Bahn ohne Schwimmhilfe geschafft, in der dritten Stunde dann eine ganze Bahn, beim nächsten Mal drei Bahnen.“ Sie beschreibt es wie einen Schalter, der im Kopf umgelegt wurde. Es hat Klick gemacht: „Hurra, ich kann schwimmen!“

Nun, nur wenige Wochen nach dem Anruf beim Berliner Rundfunk, schwimmt sie morgens auf dem Zeuthener See mit ihrem Mann schon 20 Meter weit hinaus. Wenn ihr die Puste auszugehen droht, legt sie sich entspannt auf den Rücken. So hat sie es gelernt. Ihr Ziel ist: „Jeden Morgen bis zur Mitte des Sees – ohne Angst.“ Cordula Schober macht anderen Mut, auch spät noch das Schwimmen zu lernen: „Alle Schwimmhallen haben Kurse für Erwachsene im Angebot. Die sind genau für Leute wie uns da.“ 

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