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Flüchtlinge in Brandenburg : Hoffnung auf neues Leben

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Jugendliche Flüchtlinge in einem Heim in Kloster Lehnin müssen zuerst traumatische Erlebnisse bewältigen

Der 17-jährige Mirwais hat in Afghanistan Unvorstellbares erlebt. Er wurde von Milizen zum Kämpfen gezwungen, drei Schusswunden im Bein zeugen noch von dieser Zeit. Anschließend war er jahrelang auf der Flucht, kam über die Türkei dann im vergangenen Jahr nach Brandenburg. Gemeinsam mit einem Freund bereitet er in der Gemeinschaftsküche einen Kartoffelauflauf zu, er lächelt scheu, meidet dann aber jeden Blickkontakt. „Die allgemeine Meinung ist, wenn die Flüchtlinge hier in Sicherheit sind, dann ist die Flucht vorbei“, sagt Heimleiter Mario Gose. „Aber sie bleiben erstmal auf der Flucht – auch angesichts des unsicheren Aufenthalts-Status.“

Mehr als 20 Jugendliche aus Asien und Afrika leben in dem Heim der Arbeiterwohlfahrt in Kloster Lehnin (Potsdam-Mittelmark), das im vergangenen Herbst eröffnet wurde. Meist zu zweit auf einem Zimmer, möglichst aus unterschiedlichen Ländern. Bereits zu DDR-Zeiten wurden die Gebäude als Jugendwerkhof genutzt, das waren berüchtigte Erziehungsstätten der sozialistischen Jugendhilfe. Mit dem Heim für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge wurde ein neues Kapitel aufgeschlagen.

Es ist eine schwierige pädagogische Arbeit, vor allem mit schwer traumatisierten Jugendlichen wie Mirwais, erläutert Gose. „Sie waren in Kampfhandlungen verwickelt, haben Folter in dunklen Kellern erlebt oder Freunde wurden vor ihren Augen aufgeknüpft“, schildert der Heimleiter drastisch die Erlebnisse junger Flüchtlinge. An regulären Schulunterricht sei bei diesen Schützlingen noch nicht zu denken. „Diese traumatischen Erlebnisse führen zu Lernblockaden“, sagt Gose. „Wir können nur versuchen, sie zu stabilisieren.“ Dazu wird im Nebengebäude gerade eine Holz- und Metallwerkstatt eingerichtet, auch eine improvisierte Sporthalle steht den Jugendlichen zur Verfügung. In der ersten Etage sind die Klassenräume für die Jugendlichen, die sich bereits mit Deutschkursen auf hohem Niveau auf einen möglichen Ausbildungsplatz vorbereiten können.

Die Lehrerin Anke Polkowski unterrichtet dort gerade sechs junge Flüchtlinge aus Afrika im Konjunktiv II. Während ihres Studiums hat sie bereits mit Straßenkindern in Südamerika und Roma-Familien in Spanien gearbeitet. „Deutsch ist ganz schön schwer“, sagt einer der jungen Flüchtlinge überraschend akzentfrei. „Stimmt“, bestätigt Polkowski. „Ich bin froh, dass ich das als Muttersprachlerin nicht lernen muss.“

Die deutsche Sprache ist eine wesentliche Hürde für die jungen Flüchtlinge, um auf der Schule weiter- und in den Arbeitsmarkt hineinzukommen. „Die meisten Jugendlichen sind sehr interessiert daran, ihr Leben hier in Deutschland zu machen“, sagte der Sozialwissenschaftler Timo Ackermann von der Fachhochschule Potsdam. Der 35-Jährige untersuchte im Auftrag des Jugendministeriums sieben der mehr als dreißig Einrichtungen für minderjährige Flüchtlinge im Land. Dagegen stehe das Asylrecht und damit eine lange Ungewissheit, ob sie auf Dauer in Deutschland bleiben können, sagt Ackermann. „Es ist schwierig, den Jugendlichen einen sicheren Ort zu schaffen, wenn die rechtliche Sicherheit fehlt“, beschreibt Ackermann ein Hauptproblem.

Nach Angaben des Jugendministeriums leben derzeit mehr als 1400 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Brandenburg, einige von ihnen auch in Pflegfamilien, in Heimen mit deutschen Jugendlichen oder in normalen Gemeinschaftsunterkünften. Es gibt nur wenige Mädchen darunter, rund 95 Prozent sind junge Männer.

Für Heimleiter Gose ist das ein Grund, dass in Kloster Lehnin nur männliche Flüchtlinge aufgenommen werden. „Es gibt nur wenige Mädchen, die solch eine strapaziöse Flucht alleine schaffen“, sagt Gose. „Und die, die es schaffen, haben Furchtbares erlebt, unter Umständen mehrfache Vergewaltigungen.“

Daher seien sie in Einrichtungen besser aufgehoben, die ihren Bedürfnissen eher gerecht werden. „Wir können den Schutzraum, den diese Mädchen und jungen Frauen zunächst zur Stabilisierung benötigen, nicht bieten“, sagt Gose.

Klaus Peters

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