Gemeinsames Geschichtsbuch : Hoch gelobt und kaum genutzt

Historie aus verschiedener Perspektive: Die Bände gibt es auch auf Polnisch.
Historie aus verschiedener Perspektive: Die Bände gibt es auch auf Polnisch.

Das von Experten beider Länder entwickelte deutsch-polnische Geschichtsbuch für Schulen führt nur ein Schattendasein

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14. November 2019, 05:00 Uhr

Als Fürst Boleslaw der Tapfere sich im Jahr 1000 zum ersten  König Polens krönen ließ, besuchte der deutsche Kaiser Otto III. seinen Nachbarn in Gnesen (Gniezno). Nachdem Otto zwei Jahre später verstarb, kam es freilich bereits zum ersten Krieg des neuen Staates mit dem Heiligen Römischen Reich.

Solche Gemeinsamkeiten und Konflikte gibt es in der über 1000-jährigen Nachbarschaft beider Länder häufig. Während Napoleon für die Deutschen ein gefährlicher Eroberer war, sah man ihn in Polen als Befreier. Otto von Bismarck war entscheidend für die Einigung des preußisch-deutschen Reichs, in einem Brief an seine Schwester schrieb er 1861: „Haut doch die Polen, dass sie am Leben verzagen. Ich habe alles Mitgefühl für ihre Lage, aber wir können, wenn wir bestehn wollen, nichts andres tun, als sie ausrotten.“

Solche Zusammenhänge und unterschiedliche Perspektiven erfährt man aus den drei Bänden des Schulbuchs „Europa. Unsere Geschichte“ zuhauf. Mehr als zwei Dutzend Historiker, Didaktiker, Übersetzer und Verlagsmitarbeiter aus Deutschland und Polen setzten sich im vergangenen Jahrzehnt dafür ein, dass das gemeinsame Geschichtsbuch in beiden Sprachen erschien. Brandenburgs SPD hatte  2006 – angeregt durch ein vergleichbares deutsch-französisches Geschichtsbuch – das Projekt angestoßen und  Unterstützung vom damaligen Außenminister Frank-Walter Steinmeier erhalten. Anliegen ist die Überwindung der rein nationalen Perspektive auf die Vergangenheit, wie sie in den Geschichts-Lehrbüchern der meisten europäischen Ländern noch immer üblich ist.

„Es ist das beste Geschichtsbuch, das auf dem Markt ist", schwärmt Karsten Ziemann. Der Leiter der Oberschule Ortrand (Oberspreewald-Lausitz) ist Geschichtslehrer.  „In unserem Unterricht wird die Zeit der polnischen Teilungen durch Preußen, Österreich und Russland anhand dieses Buches behandelt“, betont er. Da man eine Partnerschule in Polen habe, sei die Vermittlung der historischen Doppelperspektive sehr wichtig.

Ähnliches ist von Izabella Pikula zu hören. Die Polin ist Geschichtslehrerin an der Evangelischen Salveytal-Grundschule in Tantow (Uckermark). In ihren Klassen sitzen Schüler beider Nationalitäten. „In der fünften Klasse haben wir gerade über Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Entwicklung von Germanen und Slawen gesprochen“, berichtet die Pädagogin.

Jedoch sind beide Schulen noch große Ausnahmen in Brandenburg. Obwohl das Geschichtsbuch in allen Bundesländern außer Bayern als Lehrwerk zugelassen ist, wird es nur wenig verwendet. „Erhebungen darüber, welche Schulbücher in den Schulen eingeführt sind, werden nicht durchgeführt“, antwortete das Potsdamer Bildungsministeriums auf die Anfrage der Landtags-Abgeordneten Kathrin Dannenberg (Linke) ausweichend.

In einem Wettbewerb, den das Ministerium 2018 unter allen Brandenburger Schulen durchführte, zeigten mehr als 50 Schulen Interesse, das Lehrwerk kennenzulernen. Zehn Schulen wurden mit Klassensätzen ausgestattet, darunter die Oberschule in Ortrand und die Grundschule in Tantow.

Selbst der bereits zitierte Schulleiter Karsten Ziemann und die Lehrerin Izabella Pikula verweisen jedoch darauf, dass die Geschichts-Rahmenlehrpläne im Land derart eng sind, dass für den Vergleich mit der polnischen Geschichte kaum noch Platz bleibt. „Den gesamten Stoff in dem Geschichtsbuch kann man unmöglich abhandeln. Für einzelne Themenschwerpunkte ist es jedoch eine wichtige Ergänzung“, erläutert Karsten Ziemann. Die Möglichkeiten seien zudem noch dadurch beschränkt, weil die einst eigenständigen Schulfächer Geschichte, Geografie und politische Bildung in den Klassen 5 und 6 vor zwei Jahren zum Fach Gesellschaftswissenschaften zusammengefasst wurden.

„Aus solchen Gründen hat sich ein Arbeitskreis deutscher und polnischer Lehrkräfte gebildet, der jetzt Handreichungen erarbeitet, wie man das Buch für einzelne Unterrichtsmodule nutzen kann – etwa für die Behandlung des Zweiten Weltkriegs oder der großen Veränderungen von 1989.“ Das berichtet Katarzyna Jez vom Georg-Eckert-Institut für Internationale Schulbuchforschung Braunschweig. Das Institut hat die Erarbeitung des Geschichtsbuchs von deutscher Seite koordiniert.


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