Heimisch im fremden Revier

Wolfgang Schröder zeigt eine Wollhandkrabbe, die er tonnenweise aus der Havel fischt.
Wolfgang Schröder zeigt eine Wollhandkrabbe, die er tonnenweise aus der Havel fischt.

Von Wollhandkrabbe bis Waschbär: In Deutschland breiten sich immer mehr exotische Tierarten aus

svz.de von
27. Mai 2017, 05:00 Uhr

In Flora und Fauna hat eine Völkerwanderung eingesetzt – begünstigt durch globale Warenströme. Die exotischen Eindringlinge sorgen in hiesigen Breiten für ernsthafte Probleme. Darauf macht der Internationale Tag der biologischen Vielfalt am Montag aufmerksam.

„Wollis“ nennt Wolfgang Schröder jene gut gepanzerten Flussbewohner, die ihm gute Umsätze einbringen. Der Fischer aus dem Havelland erntet jährlich bis zu zehn Tonnen Wollhandkrabben aus seinen Reusen. Ursprünglich sind die Krebstiere in China beheimatet. Jedoch gelangten sie vor rund 120 Jahren als blinde Passagiere von Frachtschiffen nach Europa.

Den Fang verkauft Schröder an Großhändler und Asia-Märkte. Dabei landen die Krabben nicht nur in Kochtöpfen, sondern werden vor allem zu Chips verarbeitet. Manche Exemplare gelangen als Exportware zurück ins Ursprungsland. „Unsere Krabben sind in China begehrt, da sie nicht mit Schadstoffen belastet sind“, berichtet Schröder.

Die explosionsartige Ausbreitung der Wollhandkrabben sehen viele kritisch. Die Scherenträger untergraben Deiche, zerschneiden Fischernetze und haben im Zusammenspiel mit amerikanischen Artgenossen dafür gesorgt, dass hiesige Krebse kaum noch existieren.

In deutschen Flüssen spielt sich ein weiteres Drama ab. Dort erobern Schwarzmundgrundeln, kleinwüchsige, breitmaulige Fische, ihr Terrain. „Diese Invasion lässt sich kaum noch aufhalten“, sagt Uwe Brämick, Leiter des Instituts für Binnenfischerei in Potsdam. Die aus der Schwarzmeer-Region stammenden Grundeln besiedelten zuerst Donau und Rhein und werden inzwischen in allen großen Strömen nachgewiesen. Brämick ist wegen des aggressiven Verhaltens besorgt. „Hier tritt ein großer Nahrungskonkurrent auf den Plan. Im Rhein spüren Angler schon deutlich, welche Auswirkungen das hat.“

Allein in Deutschland haben sich nach Angaben der Forschungsinstitute mehr als 800  gebietsfremde Tier- und Pflanzenarten etabliert. Fachleute glauben, dass sich dieser Trend verstärken wird „Ökologische Zeitbomben“, nennt der Präsident des Naturschutzbundes, Olaf Tschimpke, invasive Arten. Diese bedrohten weltweit die biologische Vielfalt.

Ingolf Kühn vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung zieht einen Vergleich zu Einkaufcentern, um das Problem zu verdeutlichen. Dort seien nur noch große Handelsketten zu finden, es gebe nur wenige Unterschiede zwischen einzelnen Standorten, sagt er. Dies drohe auch bei der Altenvielfalt. „Top-100-Arten“ seien irgendwann in jeder Region zu finden, erklärt Kühn.

Dennoch nimmt die Öffentlichkeit meist nur Notiz von den „Exoten“, wenn sie als Bedrohung wahrgenommen werden. So entfachten Dornfinger, ursprünglich im Mittelmeerraum beheimatete Giftspinnen, eine regelrechte Hysterie. Zudem werden Funde der asiatischen Tigermücke hierzulande mit Sorge registriert: Die Insekten verbreiten unter anderem Dengue-Fieber.

Auch die aus Afrika stammende und viele Parks bevölkernde Nilgans wird als Plage gesehen. Zischend läuft sie manchem Jogger hinterher. Ihr Verhalten sei „pentrant und biestig“, sagt der NABU-Ornithologe Bernd Petri. Einst wurden die Tiere in Großbritannien als Ziergeflügel gehalten und breiteten sich überall in Europa aus.

Aber auch die Amerikanischen Grauhörnchen werden von den Umweltbehörden bereits als Gefahr eingestuft. Sie haben das Potenzial, die heimischen Eichhörnchen auszulöschen, da sie ein gefährliches Virus in sich tragen.

Ein Weiterer Fall: die Asiatische Hornisse. Sie könnte die Bienenbestände europaweit dezimieren.

Welche Folgen eine flächendeckende Invasion haben kann, zeigt das Beispiel der Waschbären. Die kletterfreudigen Räuber haben es auf den Nachwuchs einheimischer Singvögel abgesehen. Auf eine Million Exemplare wird ihr Bestand in Deutschland geschätzt. Ursache für dieses Problem sind Pelztierfarmen – von dort büxten in den 1930er-Jahren die ersten Waschbären aus.

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