Erinnerungslücken bei Ex-V-Mann : Hackfleisch vom V-Mann-Führer

Polizeifahrzeuge stehen während der Anhörung vor dem Landtag.
Polizeifahrzeuge stehen während der Anhörung vor dem Landtag.

„Piatto“gilt als wichtigster Zeuge im NSU-Ausschuss des Landtags / Viele Details aber kaum Erinnerungen an späteres NSU-Trio

svz.de von
12. Juni 2018, 05:00 Uhr

Potsdam Der frühere V-Mann „Piatto“ hat vor dem Potsdamer NSU-Ausschuss über die rechtsextreme Szene ausgesagt. Zur späteren NSU-Terrorgruppe hatte er gestern den Abgeordneten aber nichts Überraschendes zu berichten. „Ich weiß nicht mehr aus Erinnerung, was ich zu denen abgeliefert habe“, sagte der Ex-Informant, der damals für den Vertrieb von rechten Musik-CDs Kontakte zur rechten Szene in Sachsen unterhielt. „Das war für mich nur ein Thema von vielen.“

Die Vernehmung fand unter hohen Sicherheitsvorkehrungen statt, weil „Piatto“ - der im Ausschuss mit seinem bürgerlichen Namen Carsten Szczepanski angesprochen wurde - in einem Zeugenschutzprogramm steht. Die Vernehmung fand in einem Raum nur mit dem Zeugen und den Ausschussmitgliedern statt, Journalisten und Zuschauer konnte die Vernehmung über eine Tonübertragung in einen zweiten Raum verfolgen.

Rund um das Gebäude des Potsdamer Landtags wachten Polizeibeamte. „Piatto“ berichtete, er habe sich Anfang der 1990er Jahre in der Untersuchungshaft der Behörde angedient, weil er aus der rechten Szene aussteigen wollte. In U-Haft war er wegen versuchten Mordes an einem Nigerianer. Wegen der Tat wurde er später verurteilt. Es sei ihm mit der Andienung beim  Verfassungsschutz um einen Schlussstrich und eine Teilwiedergutmachung gegangen, sagte er.

An wichtige Einzelheiten wollte er sich nicht mehr erinnern können- auch nicht an das genaue Jahr, in dem er sich dem Amt andiente. Die Abgeordneten fragten dazu wiederholt nach, weil es den Verdacht gibt, „Piatto“ könnte schon früher als 1994 für Behörden gearbeitet haben. Die Zusammenarbeit mit anderen Nachrichtendiensten wie dem BND bestritt „Piatto“.

Detaillierter konnte sich der Zeugen an die Umstände seiner Haft erinnern. So habe er aus dem Gefängnis heraus eine rechte Zeitschrift erstellt und Zugang zu Kopierern gehabt. Sein V-Mann-Führer habe ihm Zigaretten mitgebracht, mit denen er Druckaufträge für das Magazin in der gefängniseigenen Druckerei „bezahlen“ konnte. Heiterkeit unter den Zuhörern löste die Schilderung aus, sein V-Mann-Führer habe neben Schokolage auch Hackfleisch ins Gefängnis gebracht.

Der Ausschuss soll klären, ob der Verfassungsschutz des Landes Informationen von „Piatto“ nicht ausreichend an Behörden anderer Bundesländer weiterleitete. „Piatto“ schilderte am Vormittag ausführlich, wie er sich Ende der 1980er Jahre in West-Berlin der rechten Szene anschloss und später nach Königs Wusterhausen zog. Er habe damals Kontakt zum rechtsterroristischen Ku-Klux-Klan in den USA aufgenommen. „Das wirkte auf mich sehr anziehend“, sagte er.

„Piatto“ berichtete auch über Chemikalien, die er für die rechte Szene lagerte und die offensichtlich zum Herstellen von Sprengstoff gedacht waren. In der Szene sei man damals der Meinung gewesen, dass das politische System eines Tages untergehen werde. „Man will für diesen Tag X vorbereitet sein“, sagte er. Andere hätten für den „Tag X“ Kerzen oder Decken gehortet.

Dass er trotz rechter Gesinnung eine Ausbildung beim damaligen Staatsunternehmen Bundespost aufnehmen wollte, weil der Job als Beamter relativ sicher und gut bezahlt gewesen sei, sehe er heute auch als Widerspruch, sagte er auf Nachfrage. „Ich habe damals sehr viele dumme und falsche Sachen gemacht“, ergänzte er.

Auf das eigentliche Thema NSU kam „Piatto“ zunächst nur durch eine Frage eines AfD-Abgeordneten zu sprechen, weil der Ausschuss ansonsten weitgehend chronologisch vorging. Einem Vermerk zufolge soll „Piatto“ 1998 berichtet haben, dass drei Skinheads - zwei Männer und eine Frau - auf der Flucht seien und sich nach Südafrika absetzen wollten.

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