Haasenburg: Jugendamt in der Kritik

Marie Luise von Halem
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Marie Luise von Halem

Neue Vorwürfe: Zuständige Behörden sollen schon lange von Problemen in den Kinder- und Jugendheimen gewußt haben

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02. Dezember 2013, 18:56 Uhr

„Was mit uns passiert ist, ist Rufmord“, sagt Matthias R. „Wir wurden vorverurteilt.“ Und seine Stimme bebt dabei. Im Pullover sitzt der zweifache Familienvater an seinem Küchentisch in Lübbenau, seine Frau füttert das jüngere der beiden Kinder. Matthias R. arbeitet im Kinder- und Jugendheim der Haasenburg Gesellschaft in Neuendorf am See. In einem der Heime, die seit Monaten wegen angeblicher Misshandlungen von Kindern und Jugendlichen in den Schlagzeilen sind, und nun geschlossen werden sollen.

Matthias R. empfindet die Kritik als eine „Kampagne“ gegen den Heimbetreiber. „Was in den Zeitungen oder in Fernsehberichten über die Haasenburg gesagt wird, ist schlicht aus dem Zusammenhang gerissen.“ Seit mehr als 4 Jahren ist Matthias R. in der Haasenburg beschäftigt. Zuvor arbeitete er auf dem Bau, war bei der Bundeswehr und absolvierte eine kaufmännische Ausbildung. Zum Erzieher qualifiziert er sich derzeit berufsbegleitend durch ein Fernstudium. „Mir gefällt an meiner Arbeit, wie wir durch Beziehungsarbeit einen Beitrag zur Veränderung der Jugendlichen leisten“, sagt er.

Den Bericht der Untersuchungskommission des Bildungsministeriums, der den Haasenburg-Heimen gravierende Mängel attestiert hat, kritisiert Matthias R. dagegen scharf: „Die Kommission war nur vier Mal in Neuendorf, für jeweils nur drei Stunden“, wirft er den Experten vor. „Und dann wird niedergeschrien, dass der pädagogische Alltag und das Konzept der Haasenburg so weit auseinanderklaffen.“

Besonders intensiv wurde in den letzten Monaten über die so genannten Begrenzungen diskutiert: Ausrastende Jugendliche, die mit körperlicher Gewalt zur Ruhe gebracht wurden. „Das war immer das Schlimmste an der Arbeit“, sagt Matthias R. „Auch für uns Mitarbeiter.“ Doch für den Haasenburg-Mitarbeiter gibt es zu dem in seiner Einrichtung praktizierten Umgang mit dem Jugendlichen keine Alternative. „Sie müssen an die Klientel denken, mit der wir es hier zu tun haben“, sagt Matthias R. „Was wollen Sie denn machen, wenn ein Jugendlicher so lange mit dem Kopf an die Wand stößt, bis er blutet, oder in eine Glühbirne beißt?“ Matthias R. hat deswegen einen Brief an Bildungsministerin Martina Münch (SPD) geschrieben, in der er die Ministerin zu einem Gespräch mit den Haasenburg-Mitarbeitern auffordert.

Doch dass es dazu kommt, ist wohl nicht mehr zu erwarten. Denn seit der vergangenen Woche betreibt das Bildungsministerium die Schließung der umstrittenen Heime. Der Koalitionspartner, die Linkspartei, ist sogar schon einen Schritt weiter: Heute wollen sich die Linken, die von Anfang an für eine Schließung der Heime waren, bei einer Anhörung Gedanken über Alternativen zu einer geschlossenen Unterbringung machen.

Dazu sind erneut schwere Vorwürfe in Sachen Haasenburg aufgetaucht: Wie das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ berichtet, soll das Landesjugendamt schon seit Jahren über die Situation in den geschlossenen Heimen Bescheid wissen. Doch Beschwerden von Eltern und Mitarbeitern über die Haasenburg seien ignoriert worden. Nachdem das Amt den Namen eines sich beschwerenden Mitarbeiters nannte, sei dieser von der Haasenburg entlassen worden. Die Oppositionsfraktionen Grüne, CDU und FDP wollen die Vorwürfe am Donnerstag im Bildungsausschuss des Potsdamer Landtags erörtern. „Erneut stellt sich die Frage, warum die Übergriffe auf Jugendliche in den Haasenburg-Heimen den Aufsichtsbehörden offenkundig schon so lange bekannt waren und sie dennoch nicht wirkungsvoll dagegen vorgegangen sind“, so die Grünen-Politikerin Marie-Luise von Halem. „Mir ist das schier unverständlich.“

An der Sitzung des Bildungsausschusses will auch der Matthias R. teilnehmen. Was er sich jetzt noch erhofft? „Vielleicht einen Runden Tisch, bei dem über das pädagogische Konzept gesprochen wird.“ Dass die Heime der Haasenburg tatsächlich geschlossen werden, ist für Mitarbeiter Matthias R. derzeit jedenfalls unvorstellbar.


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