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Berlin : Großstadtdschungel: Wo die wilden Tiere wohnen

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Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Trotz Beton und Asphalt: In der Hauptstadt sagen sich nicht nur Fuchs und Wildschwein gute Nacht

svz.de von
erstellt am 28.Apr.2016 | 12:00 Uhr

Auf den ersten Blick ist rein gar nichts zu sehen. Derk Ehlert zeigt auf den Zwischenraum unter einem Bürocontainer, nur durch die Spree vom Bundeskanzleramt getrennt. Darunter ziehe eine Fähe – eine Füchsin – gerade ihre Jungen auf. „Das da ist ihr Supermarkt“, sagt Berlins Wildtierexperte mit Blick auf ein halbes Dutzend eingezäunter Mülltonnen. An diesem Tag sind die Fähe und ihre Jungen wohl scheu oder schlafen noch, ebenso wie die benachbarten Kaninchen. Normalerweise überquere die Füchsin auch mal die Brücke Richtung Angela Merkels Vorgarten, um ihr Revier zu markieren.

Es braucht eine Menge Spürsinn, gute Augen, Zeit, Wissen und Glück, um Berlins Wildtieren gezielt auf die Spur zu kommen. Waschbären und Wildschweine, Wanderfalken, Füchse, Biber und noch mehr Arten haben sich an das Leben in der Großstadt angepasst. Der Artenreichtum an Tieren und Pflanzen wird auf ganze 20 000 geschätzt.

Mal mehr, mal weniger konfliktfrei läuft das Zusammenleben. Derk Ehlert kümmerte sich jahrelang auch um Bürgerprobleme mit Wildtieren und ist als Ansprechpartner bekannt. Einem Tipp folgend führt der Weg Richtung Flughafen Tegel im Berliner Norden. In einem Wäldchen direkt an einem Wohngebiet soll es derzeit Wildschweine geben. Aufgewühltes Erdreich, Hufspuren und einen typischen Ruheplatz – eine Kuhle unter Brombeerranken – hat Ehlert beim Umherstreifen schon entdeckt. Die meisten Spaziergänger würden nichts davon wahrnehmen. Plötzlich hallt hysterisches Kreischen herüber, ein Hund schlägt an. Derk Ehlert macht nun große Schritte. Die aufgeregten Schreie von vier Teenie-Mädchen trügen nicht: Eine Rotte Wildschweine mit etwa 15 Frischlingen ist unterwegs in Richtung der Wohnhäuser.

 

Lebensräume und Rückzugsorte
Wildtiere schätzen in Berlin das viele Grün. Je nach Art mögen sie die Ungestörtheit auf Brachen, Verkehrsinseln, an Böschungen entlang der Autobahn und auf teils umzäunten oder von Gleisen begrenzten Bahnarealen. Menschen und Hunde kommen dort meist überhaupt nicht hin. Weil der Betrieb auf Schul- und Friedhöfen sehr regelmäßig und berechenbar ist, sind auch sie beliebt, zum Beispiel bei Füchsen. Den Wanderfalken reicht eine kleine Luke am Fernsehturm, um dort einen Brutplatz einzurichten. Füchse, Marder und andere machen sich lose Latten an Schuppen und undichte Dächer zunutze, wenn sie Unterschlupf suchen.

Die zwei Wochen alten Schweine reiben sich an Bäumen, die Bachen nähern sich den Beobachtern. Während die Mädchen rasch Reißaus nehmen, wirkt die Wildschweinrotte dagegen äußerst entspannt. Nur der Keiler sieht etwas mitgenommen aus.  Wildtiere finden in Berlin alles, was sie brauchen: Überdurchschnittlich viel Grün im Vergleich zu anderen Großstädten, Unterschlupf und einen reich gedeckten Tisch aus Abfällen. Wer anderswo in Deutschland in Wald und Flur ein Tier sieht, ist gewohnt, dass es sofort abhaut. Anders in Berlin: Füchse starren gerne mal zurück und lassen die Wildschweine Menschen nah an sich heran.

„Riechen Sie das, diesen Maggi-Geruch? Das sind die Wildschweine. Herrlich.“ Ehlert steht im Wald und freut sich. „Füchse riechen nach muffiger Kleidung.“ Die Wildschweine erschnüffeln indes Grillabfälle. Aus einer Mülltonne zieht eine Bache geschickt eine mit roter Marinade besudelte Plastikverpackung heraus. „Diese Soße lieben die“, sagt Ehlert.

Probleme mit Wildtieren in der Stadt sind meist hausgemacht, da sind sich Experten einig. Und obwohl das Leben im Grünen beliebt ist, bestimme bei vielen Menschen eine Grundangst die Haltung, bilanziert Katrin Koch, die Berliner am Wildtiertelefon des Nabu berät. Von den großen und kleinen Problemchen der Stadtbewohner mit der Natur kann sie ein Lied singen: Stockenten brüten auf dem Balkon, eine Erdkröte fällt in den Kellerschacht, ein Waschbär macht sich wiederholt über Bellos Futternapf her.

Dass die wilden Tiere Berlin in Beschlag genommen haben, bekommt Koch im Sommer besonders zu spüren. Ihr Apparat klingelt dann bis zu 30-mal pro Tag. Hauptamtliche Wildtierexperten, die vor Ort vorbeischauen könnten, hält sie für dringend nötig. Doch Ehlerts alte Stelle als Wildtierbeauftragter ist gestrichen worden, heute kümmert er sich noch im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit in der Berliner Umweltverwaltung um Wildtiere.  „Die Probleme werden ja nicht weniger“, meint Koch. Alte Damen, die niemanden mehr haben, aber einen Fuchsbau im Garten, könne man nicht damit alleine lassen. Sie befürchtet, dass Menschen mit derartigen Problemen am Ende illegale Fallen aufstellen.

Aber warum genau zieht es Wildtiere eigentlich in die Stadt? Diese Frage treibt am Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) mehrere junge Wissenschaftlerinnen um. Eines der zentralen Instrumente, um Routen und Bewegungsmuster der Tiere zu erkennen, sind GPS-Sender. Die werden Tieren umgebunden, die in eine ihrer Fallen tappen. Milena Stillfried hat in zäher Arbeit 14 Wildschweine besendert. Nun wertet sie die Daten aus. Auch die Gene der Schweine sind gefragt. Gibt es dauerhaft getrennte Gruppen, womöglich bedingt durch den Verlauf einer Autobahn? Oder findet ein Austausch statt? Analysen von 300 Wildschweinmägen sollen außerdem Aufschluss über die Nahrung geben.

Bei ihrer Arbeit über den Fuchs, in Kooperation mit dem Fernsehsender RBB, will Sophia Kimmig die Berliner zu Bürgerwissenschaftlern machen: Wohl ab Mai können sie zur weiteren Forschung beitragen, indem sie sich auf die Spuren der besenderten Stadtfüchse begeben und mögliche Anziehungspunkte wie Futterquellen vor Ort suchen.  Solche Informationen könnten einigen Aufschluss bringen über rätselhaftes Tierverhalten: Was lockte zum Beispiel einen Biber in den berühmt-berüchtigten Görlitzer Park nach Kreuzberg, zwischen Dealer, Touristen und Spirituelle? Und was wollte der Fuchs, der kürzlich vor der Kamera eines Journalisten die Treppe von Schloss Bellevue emporstieg, durch die geöffnete Tür blickte und dann wieder kehrtmachte?

Manches kann man sich bisher eben nicht erklären. Und unternehmen kann man gar nichts dagegen, wie Katrin Koch vom Nabu sagt. Sie meint lapidar: „Dit is eben Hauptstadt, dit is Berlin.“

 

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